Tapisserie gestern und heute

Trotz moderner Produktionsmöglichkeiten bleiben manche Kulturtechniken in ihrer ursprünglichen Form erhalten. Vielfach finden sie Nischen in der Kunst. Die Bildwirkerei gilt als eine von ihnen. Mithilfe dieser anspruchsvollen Handarbeit entstanden bildhafte Darstellungen, die sowohl den Raum schmückten als auch – so wird vermutet – der Wärmeisolierung dienten.

Tapisserie in Europa

Viele der bis heute erhaltenen historischen Bildwirkereien stammen aus dem Mittelalter und sind in Kirchen und Klöstern zu besichtigen. Gleichfalls waren Herrscherhäuser mit Wandbehängen dieser Fertigungsweise ausgestattet. Tapisserien erfordern neben handwerklichem Geschick viel Zeit bei der Herstellung. Die Darstellungen zeigten sakrale Inhalte oder wiesen Herrschersymbole auf. Damals wie heute entstand die Bildwirkerei auf Leinen und Baumwolle als Kettfäden, die das Motiv tragen. Die bildhafte Abbildung verlangte seinerzeit wertvolleres Material: Seide kam zum Einsatz, aber ebenso Wolle neben Silber- oder Goldfäden.

Ältere Funde

Abbildungen auf Vasen des griechischen Altertums zeigen die für die Tapisserie notwendigen Webstühle. Die derzeit ältesten bekannten Zeugen der Kulturtechnik Bildwirkerei stammen aus Grabbeigaben Ägyptens und liegen nur noch als Fragmenten vor. Allerdings bestätigen sie die Annahme, dass es sich bei dieser Kunstform kaum um eine regionale Erscheinung handelte. Es ist den klimatischen Bedingungen der Wüste zu verdanken, die diese Werke früher Bildwirkereien seit dem 4. Jahrhundert erhalten blieben. Ebenfalls in Ägypten entstehen neue Kunstwerke, die sich auf die überlieferten Herstellungstechniken berufen. Beispiele sind im Ramses Wissa Wassef Art Center (http://www.wissa-wassef-arts.com/intro.htm) zu sehen.

Tapisserie als Lebenswerk

Das in der Nähe von Gizeh angesiedelte Kunstcenter wurde in den 1950er Jahren von dem Architekten Wissa Wassef und seiner Frau Sophie ins Leben gerufen. Ramses Wissa Wassef folgte mit diesem Projekt seiner Überzeugung, dass jeder Mensch ein Künstler sei, der seinem Tun von Kindheit an nachgeht. Das Institut gab verschiedenen Kindern ab dem Alter von etwa 12 Jahren die Gelegenheit, sich künstlerisch vollkommen frei zu entfalten und ihre Technik zu verfeinern. Die Kinder von damals haben sich in den Jahrzehnten zu vollendeten Künstlern entwickelt, die ihrer Passion noch immer nachgehen.

Die neue Generation

Ramses Wissa Wassef verstarb 1974. Im Anschluss führte seine Frau das Institut weiter. Anschließend verfolgten seine Töchter Suzanne und Yoanna Wissa Wassef die Ziele des Vaters. Sie gründeten ihre eigene Gruppe zunächst mit den Kindern der ersten Webergeneration. Später gelangten sie zu der Überzeugung, dass auch diese von der Elterngeneration vorgebildet waren und starteten mit Schülern ohne Vorbildung in der Tapisserie. Mit diesem Ansatz kommen sie dem vom Vater formulierten Grundsatz nahe: »Die kreative Energie des Durchschnittsmenschen wird von einem konformistischen System der Ausbildung und die Ausweitung der industriellen Technologie in allen Bereichen des modernen Lebens untergraben«.

Das Erbe bewahren

Wie im Ramses Wissa Wassef Art Center in Ägypten halten weltweit Künstler die alte Kunst der Bildwirkerei am Leben. Im Lauf der Jahrhunderte war sie unter verschiedenen Namen populär: Gobelins und Wandteppiche werden ebenfalls häufig in der Technik der Tapisserie hergestellt. Ihre Herstellung ist zeitintensiv und eignet sich kaum zur Massenproduktion. Indem sich bis heute Begeisterte um die Ursprünglichkeit der Bildwirkerei bemühen, entstehen Einzelstücke von erhabener Schönheit, die gleichsam als individuelle Interpretation eines Themas gelten.