Ägyptologie und Archäologie - Die Erforschung des Alten Ägypten (Teil 2)

Heutige Forschungen in ÄgyptenZahlreiche Universitäten und Forschungsinstitute aus aller Welt unterhalten archäologische Ausgrabungen und Forschungskampagnen in Ägypten. Wichtige Institutionen aus dem deutschsprachigem Raum, die Ausgrabungen und Forschungsprojekte in Ägypten durchführen, sind das Deutsche Archäologische Institut (DAI, Abteilung Kairo), das Schweizerische Institut für ägyptische Bauforschung und Altertumskunde – die beide auf das von Ludwig Borchardt ins Leben gerufene (Kaiserlich-)Deutsche Institut für ägyptische Altertumskunde zurückgehen – und das Österreichische Archäologische Institut (ÖAI). Zunehmend wird die archäologische Grabungstätigkeit auch von ägyptischen Behörden und Institutionen übernommen. Andere Staaten, die in Ägypten Ausgrabungen unterhalten, sind die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien, Tschechische Republik, Polen, Spanien und Japan. Überwacht werden alle Forschungs- und Grabungsaktivitäten von der ägyptischen Altertümerverwaltung, die auch die Grabungslizenzen vergibt. Da das Ägyptische Museum in Kairo wegen Platzmangels nicht mehr alle Funde aufnehmen kann, ist ein zweites großes Museum bei den Pyramiden geplant. Außerdem werden die zahlreichen kleinen Museen an den Grabungsorten ausgebaut. Neben der Ausgrabungstätigkeit wird heute der Schwerpunkt auf die Erhaltung und Restaurierung alter Denkmäler gelegt. Veränderungen des Grundwasserspiegels und neue Bebauungen wegen des Bevölkerungswachstums erfordern bisweilen Notgrabungen. Ein Schwerpunkt archäologischer Feldforschung ist heute das Delta, zum einen, weil es weniger erforscht ist, zum anderen, weil viele Fundorte durch Überbauung und Landwirtschaft bedroht sind.Standen früher die Gräber, Pyramiden und Tempelanlagen im Mittelpunkt der Ausgrabungsaktivitäten, so wendet man sich heute mehr der Erforschung der alten Städte und Siedlungen zu. Die Ausgrabung eines Siedlungshügels (arabisch „Tell“ oder „Kom“ genannt) ist mit großen Schwierigkeiten verbunden, da man mit sehr vielen Zerstörungsschichten zu tun hat und die Alltagsgebäude und Wohnhäuser nicht aus Stein, sondern aus zerbrechlichen Lehmziegeln gebaut sind. Außerdem sind alle Gegenstände und Hinweise auf das Alltagsleben der frühen Ägypter zu dokumentieren. Im Gegensatz zu den alten Ausgräbern arbeiten die heutigen Ägyptologen sehr viel mehr mit Naturwissenschaftlern und Ingenieuren zusammen. Es wird viel Technologie zum Einsatz gebracht, zum Beispiel bei der Untersuchung von Mumien oder bei geomagnetischen Untersuchungen von Fundorten, um nach Bauten und Architekturresten im Erdreich zu forschen.Die Erforschung des Alten Ägypten erfolgt längst nicht mehr zum Selbstzweck. Viele Museen arbeiten heute nach markwirtschaftlichen Kriterien. Die Besucherzahlen gehen in die Millionen. Außerdem ist die Kultur der Pharaonen längst kommerzialisiert. Filme, Bücher und Kunst nehmen ägyptische Motive auf. Das ist kein neues Phänomen. Schon im 19. Jahrhundert schmückten reiche Leute ihre Wohnsitze mit ägyptisierenden Kunstgegenständen, oder, wenn es möglich war, sogar mit originalen ägyptischen Kunstobjekten. Für Ägypten selbst ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle. Ohne das Erbe der Pharaonen wäre das Land am Nil wesentlich ärmer – ökonomisch wie historisch gesehen. Doch abgesehen von ökonomischen Gründen, die unserem Zeitgeist zufolge permanent angeführt werden müssen, um Forschungen zu rechtfertigen, gibt es sehr viel tiefer gehende Gründe.Wozu Altertumswissenschaften? Wozu Ägyptologie? – Der tiefere HintergrundUnsere abendländische Zivilisation fußt auf zwei alten Traditionen, der klassischen Antike (Griechenland, Rom, etc.) und der Welt der Bibel. Die Welt der Bibel und die klassische Antike sind ihrerseits ohne die alten Kulturen des Orients, Ägypten und Babylonien usw., nicht denkbar. Hier liegen die Wurzeln unserer eigenen Kultur. Doch die Suche danach hat noch einen tieferen Sinn.Die meiste Zeit des Lebens sind die Menschen sind in ihrem Jetzt und Hier gefangen und müssen sich um die Angelegenheiten ihres Alltags kümmern. Über Jahrtausende ging es täglich um Fragen des Überlebens. Doch soweit sich die Kulturgeschichte der Menschheit zurückverfolgen lässt, nämlich bis in die Altsteinzeit, gibt es Anzeichen, die ein Bewusstsein für Vergangenheit und Zukunft verraten. Selbst die ältesten Religionen und Kulte drehen sich um die Fragen des Lebens, Sterbens und um die Schöpfung der Dinge. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wer waren unsere Ahnen? Wohin gehen wir?So alt wie die Menschheit sind nicht nur die Fragen, sondern auch die Versuche, Antwort darauf zu geben. Die Religionen verknüpften die Erzählungen der Alten mit den Mythen der Ahnen. Später, mit Erfindung der Schrift, gab es Chroniken und Aufzeichnungen von Begebenheiten. Menschen fragen nach der Vergangenheit und bekommen konstruierte Antworten. Auch moderne Ideologien, wie der Kommunismus, Nationalismus und der Faschismus haben dazu geführt, an einem Geschichtsbild der eigenen Identität herumzubasteln, ob man sich dabei der historischen Wahrheit näherte oder nicht, sei dahingestellt.Besonderns Interesse an der Vergangenheit wecken stets die „alten Orte“. In der Altsteinzeit wurden die Höhlenmalereien nicht innerhalb weniger Generationen, sondern manchmal über Jahrtausende Stück für Stück aufgemalt. Immer wieder kamen Menschen in die Höhlen, um den Bildern ihrer Ahnen neue hinzuzufügen. Auch im Alten Ägypten orientiert man sich stets an den Bauten der Vorfahren. Ruinen von Tempeln und Gräbern waren schon den Ägyptern zur Zeit der Pharaonen Orte der Erinnerung - und Aufmunterung zum Nachahmen. Die ganze Kulturgeschichte ist voller Renaissancen, der Wiederaufnahme alter Kunstformen, stets inspiriert durch die bloße Präsenz des Alten in Form seiner Ruinen. Die ganze europäische Renaissance war eine Wiederentdeckung und Neuinterpretation der Antike. In Italien, wo die abendländische Renaissance im späten Mittelalter ihren Ausgang nahm, war man umgeben von prächtigen Altertümern, Bauten, Malereien und Rundbildern aus der Zeit des Römischen Reiches. Die Inspiration lag buchstäblich vor Augen. Ebenso in der Literatur. Vom Mittelalter bis zur Neuzeit war es selbstverständlich, dass Gelehrte des Lateinischen und Griechischen mächtig waren und somit einen Teil der Antike weitertradierten. Die alten Dinge waren also stets da. Sie brauchten nicht entdeckt, sondern nur wiederentdeckt werden. Und die Wiederentdecker antiker Kunst waren vornehmlich reiche, zumeist adlige Kunstsammler, die des gelehrten Rates bedurften, um etwas über ihre Kunstschätze zu Erfahren. Ein anderer wichtiger Aspekt war die Bibel. Europa steht in der Tradition des abendländischen Christentums. Wer heute durch Museen, Schlösser oder alten Bauten Europas geht, wird feststellen, dass ein Großteil der Kunst entweder Motive der klassischen Antike oder der Bibel widerspiegelt. Die Bibel war das meistgelesene Buch. Mit Aufbruch in die Moderne und Beginn der Industrialisierung sowie der Entstehung moderner Wissenschaften war die Bibel für aufgeklärte Menschen ein Produkt der Mythologie geworden. Doch die Wiederentdeckung der Welt des Alten Orients, der Entdeckung der Kulturen der Babylonier, Assyrer, Akkader, Aramäer und die Erforschung des Alten Ägypten haben gezeigt, dass die Welt der Bibel mit all ihren Orts- und Personennamen, Herrschern und Ereignissen einen historischen Hintergrund hat. Die Entstehung dreier großer Weltreligionen, Christentum, Judentum und Islam, ist eng verknüpft mit der Geschichte der Kulturen des Alten Orients.Wer sich also auf die Suche nach der eigenen Identität macht und sich dabei als Teil seiner Gesellschaft versteht, wird nicht umhin kommen, nach den Ursprüngen seiner Kultur zu suchen.Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg