Tempel von Sethos I.

Pfeilerfront im Sethos-Tempel in Abydos
Darstellung des Osiris im Sethos-Tempel in Abydos

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Der von Sethos I. (19. Dynastie, 13. Jahrhundert v. Chr.) errichtete und von Ramses II. vollendete Kalksteintempel in Abydos ist einer der interessantesten Tempel Ägyptens, auch wenn er sich dem Besucher zunächst unscheinbarer als die Thebanischen Tempel präsentiert. Auf dem ersten Blick erinnert die Anlage an den Totentempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari (West-Theben): Die Anlage ist terrassiert und die Fronten sind mit Pfeilerhallen ausgestattet. Im Gegensatz zu den Totentempeln in West-Theben wurden neben dem zu Osiris gewordenen Pharao noch sechs weitere Götter verehrt, nämlich die im Neuen Reich dominanten Reichsgötter Amun, Re-Harachte und Ptah, die sonst ihre Zentren in Theben, Heliopolis und Memphis hatten, und die bekannte Götterfamilie Osiris, Isis und Horus, die hier als abydenische Triade in Erscheinung tritt und bis zum Ende der Pharaonenzeit große Popularität und Ansehen genoss.

Ursprünglich war der Kaltsteintempel von einer etwa 220 mal 270 Meter messenden Umfassungsmauer aus Lehmziegeln umgeben, von der kaum noch etwas übrig ist. An der Nordostseite sieht man noch die Überreste der Wirtschaftsgebäude mit ihren langen Magazinen. Der eigentliche Tempel misst 56 mal 157 Meter. Seine Achse, die auch den Prozessionsweg für die Götterfeste symbolisiert, ist kultisch ost-westlich ausgerichtet, d.h. zum Nil hin orientiert. Dabei wurden die Himmelrichtungen nicht exakt eingehalten, denn genau genommen führt die Achse von Nordost nach Südwest.

Von der Straße kommend, beginnt die Besichtigung an den kläglichen Überresten des einst imposanten Eingangs-Pylons. Man geht hierzu eine Treppenrampe hinauf. Vor diesem Pylon war im Neuen Reich ein Kai am Kanal für die Barken und Boote. Die Vorderseite des Pylons war wohl glatt und mit Reliefs und Inschriften versehen. Die Rückseite war (und ist zum Teil noch) mit Nischen versehen, in denen einst Osiris-Statuen des Königs standen. An der südöstlichen Rückwand des Pylons kann man noch Reste von Reliefs militärischen Inhalts erkennen. Es handelt sich um Darstellung der Kriegsauszüge nach Syrien und Palästina unter Ramses II., ein Beispiel für die nachträgliche Dekoration des Tempels unter diesem König.

Durch den Eingangspylon betritt man den ersten Hof, den Vorhof sozusagen. Heute ist der Hof weitgehend zerstört. In der Mitte des Hofes befinden sich beiderseits des Prozessionsweges die Überreste zweier Kultbrunnen. Dann folgt die Rampentreppe auf die Terrasse eines weiteren Eingangsportals mit Pfeilerkolonnaden. Durch dieses Portal gelangt man in den zweiten Hof. Dieser ist besser erhalten als der erste.

Am Ende des zweiten Hofes folgt eine weitere Rampentreppe, die zu einem weiteren Portal mit Pfeilerkolonnade führt. Im Gegensatz zum ersten Portal ist hier die Kolonnade dank umfangreicher Wiederaufbauten und Restaurierungen noch überdacht. Hier beginnt das zentrale Tempelgebäude. An der Rückwand der Pfeilerkolonnade kann man verschiedene Reliefs sehen. Man sieht Ramses II. und Sethos I. bei Kulthandlungen vor den Gottheiten. Es handelt sich um Darstellungen von Opferhandlungen und vom kultischen Erschlagen der Feinde. Von historischer Bedeutung ist die Hieroglypheninschrift an der a href='/abydos.htm' en Seite des mittleren Durchgangs. Der Inhalt der Inschrift berichtet und belegt, dass der Tempel von Sethos I. errichtet und von Ramses II. ergänzt und vollendet wurde.

Passiert man den Durchgang, gelangt man in den prächtigen Säulensaal. Schwere Architrave ruhen auf den Kapitellen der vierundzwanzig Papyrusbündelsäulen in zwei Querreihen. Sie tragen die Deckenbalken. Das Hypostyl hat, im Gegensatz zu den großen Säulenhallen vieler anderer Tempel des Neuen Reiches (Karnak, Luxor ), kein erhöhtes Mittelschiff. Alle Säulen sind gleichhoch, das Niveau der Decke gleichbleibend. Die Reliefdekorationen dieses Säulensaales stammen von Ramses II. Dargestellt sind Opfer- und Kultszenen des Königs vor den Gottheiten, insbesondere Osiris und Isis sowie dem vergöttlichten Königsvater Sethos I.

Auf den ersten Säulensaal folgt ein zweiter. Hier wird die Decke von drei Säulenreihen mit insgesamt 36 Säulen getragen. Die Reliefdekorationen stammen noch direkt von Sethos I.

Die Kapellen des Sanktuariums sind für folgende Gottheiten vorgesehen (von a href='/abydos.htm' s nach rechts, wenn man vor dem Sanktuarium steht): Sethos I. (als vergöttlichter Osiris-Herrscher), Ptah, Re-Harachte, Amun, Osiris, Isis und Horus. Amun ist in der Mitte, d.h. selbst im Wallfahrtsort des Osiris zeigt sich die reichsweite Bedeutung des Amun-Kultes, der im Neuen Reich so dominierend war. In den (ursprünglich mit hölzernen Pforten verschlossenen) Kapellen standen einst die Götterbarken. Die Darstellungen innerhalb der Sanktuarienkapellen nehmen Bezug auf die jeweilige Gottheit.

In der a href='/abydos.htm' en Kapelle dreht sich alles um den vergöttlichten Pharao Sethos I. Man sieht unter anderem Priester abgebildet, die dem König wie einem Gott opfern, falkenköpfige und schakalsköpfige Gottheiten, die den König beschützen und begleiten, Nechbet und Uto, die Schutzgöttinnen von Ober- und Unterägypten, wie sie den König flankieren, Thot und Horus, die die Vereinigung beider Länder für den König vollziehen, und Thot, wie er dem König mit dem Anch-Symbol das ewige Leben einhaucht.

In den anderen Kapellen sieht man Pharao in seiner Funktion als obersten Priester bzw. Mittler zwischen Menschen und Götterwelt vor den jeweiligen Gottheiten. Dabei werden die Gottheiten in Kostellationen mit anderen gezeigt, d.h. Triaden aus Mutter, Vater, Kind, wie sie in den anderen großen Tempeln verehrt werden (Memphis, Heliopolis, Theben). In der Kapelle des Ptah (rechts neben der Königskapelle) sieht man den König vor Ptah, Re-Harachte und Sachmet. Weiter rechts, in der Kapelle des Amun, vollzieht der König Ritualhandlungen vor Amun, Chons und Mut, der Göttertriade von Theben.

Weiter rechts geht es in der Kapelle des Osiris um die Triade Osiris, Isis und Horus sowie um die Unterschiedlichen Aspekte der Göttergestalt des Osiris. Hier wird es besonders spannend. Denn obwohl Osiris nicht in der mittleren Kapelle verehrt wird (wie Amun), so wird hier dennoch offensichtlich, dass dieser Tempel speziell dem Osiris geweiht ist. Denn an der Rückwand der Osris-Kapelle für ein Durchgang zu einen hinteren Raumkomplex. Dieser Raumkomplexes ist nur durch die Osiris-Kapelle betretbar, d.h. es handelt sich um eine Art geheime Mysterienkultstätte (, vergleichbar mit den versteckten Querräumen des „Achmenu“ im Karnak-Tempel ). Die Achse ist nun der eigentlichen Kultachse des Tempels quer gelagert. Im Hauptraum stehen zehn Säulen. Die Wände sind mit teilweise noch farbigen Reliefs dekoriert, die Ritualhandlungen im Rahmen der Osiris-Mysterien zeigen. Ein interessantes Beispiel ist eine Darstellung an der Längst- bzw. Südwand, wo Pharao Sethos mit Hilfe der Göttin Isis einen Pfeiler aufrichtet. Es handelt sich um den Djed-Pfeiler, ein Symbol für Dauer und ewiges Leben, das im Zusammenhang mit Osiris steht. An der rechten Schmalseite der Halle befinden sich drei Kapellen. Von a href='/abydos.htm' s nach rechts sind die Kapellen der Triade Isis, Osiris und Horus gewidmet, wobei Osiris als Haupt dieser Triade natürlich in der Mitte ist. (Interessant ist in dieser Kapelle die Darstellung des Pharao Sethos I., im Jenseits zum mumiengestaltigen Osiris geworden, mit dem Gott Thot, der davor steht und Kulthandlungen vollzieht. Thot reicht dem Sethos-Osiris das Anch-Zeichen als Symbol für ewiges Leben und zwei Schlangenstabszepter mit Kobras, die die Kronen von Ober- und Unterägypten tragen.)

Am a href='/abydos.htm' en Ende der kleinen Säulenhalle gelangt man durch eine weitere Tür in einen Viersäulenraum und drei kleinere Kultkapellen, die allerdings schlecht erhalten sind. Sie waren ebenfalls der Triade aus Osiris, Isis und Horus gewidmet. Verlässt man den Geheimkultkomplex des Osiris und fährt mit der Besichtung der zwei verbleibenden Kapellen fort, so gelangt man zuerst in die Kapelle der Isis (Darstellungen des Königs bei Ritualhandlungen vor der Triade Isis, Osiris, Horus und der Barke der Isis), und dann, ganz rechts außen, die Kapelle des Horus (ebenfalls mit Darstellungen des Königs vor der Triade und der Barke des Horus). Auffällig ist, dass die Kapellen der sieben Götter nicht gleich groß sind. Die des Amun ist am breitesten, jene des Horus am schmalsten.

Wenn man die Kapellen mit ihren Darstellungen besichtigt hat, ergeben die Dekorationen der Säulen im ersten und zweiten Säulensaal nun besonderen Sinn. Man muss sich dazu die Gesamtkonzeption vor Augen führen. Vom ersten zum zweiten Saal führen sieben Durchgänge. Diese Durchgänge zielen auf die sieben Kapellen des Sanktuariums. Dementsprechend beziehen sich die Kultdarstellungen, d.h. die rituellen Handlungen des Königs vor der Gottheit, auf speziell jene Gottheit, die in der entsprechenden Kultkapelle residiert, zu welcher der Durchgang und Säulengang hinführt. Auch die Wand des Eingangsportals wies anfangs, d.h. zur Zeit Sethos I., noch sieben Eingänge auf, die jedoch während der Umbauarbeiten unter Ramses II. auf drei reduziert wurden (Der Haupteingang zeigt auf die Kapelle des Amun, ein Seiteneingang auf die des Osiris und ein enger Seiteneingang ganz rechts auf die Kapelle des Horus.)

An der Südöstlichen Ecke des Tempels ist ein Flügelbau angeschlossen, der aus der geradlinigen Achsenarchitektur heraus sticht und dem Tempelgrundriss ein L-förmiges Schema verleiht. Zu diesem Gebäudeteil führen zwei Durchgänge auf der a href='/abydos.htm' en Seite der Halle vor den Sanktuaren.

Die rechte der beiden Türen führt in ein weiteres Saktuarium mit zwei Kapellen an der Südseite. Die eine ist dem Gott Nefertem geweiht, die andere dem Ptah-Sokar. In der letzteren Kapelle befindet sich eine berühmte Darstellung aus dem Osiris-Mythos. Leider sind die Farben dieses kostbaren Reliefs nicht mehr erhalten. Dargestellt ist der mumiengestaltige Osiris auf der Bahre. An seinem Fußende steht der Gott Horus, an seinem Kopfende die Göttin Isis. Trotz seines Zustandes ist das Glied des Osiris erigiert. Ein kleiner weiblicher Falke, namentlich als Isis gekennzeichnet, setzt sich auf seinen Phallus nieder. Es handelt sich um das Motiv der posthumen Zeugung des Horus. Dass Horus gleichzeitig als Erwachsener der Szene beiwohnt mag logisch ein Widerspruch sein, löst sich aber auf, wenn man die Darstellung als symbolischen Erzählstrang begreift.

Durch die a href='/abydos.htm' e Tür zum Flügelbau gelangt man in einen schmalen Korridor. Dieser Korridor mag für den Besucher zunächst unscheinbar wirken, doch wird die enorme Bedeutung des Raumes offensichtlich, wenn man sich die Inschriften und Darstellungen an den Wänden genauer anschaut. Dargestellt sind Sethos I. und sein Sohn Ramses II. bei der Verehrung der königlichen Ahnen. Besonders aufschlussreich für die Geschichte Ägyptens ist die Königsliste. Sie zählt die Kartuschen mit den Namen der allermeisten Könige in chronologischer Reihenfolge auf. Am Ende der Wand befindet sich ein Eingang zu einem schmalen Korridor und anschließenden Treppenhaus. Auch hier sind die Wände dekoriert.

Eine weitere Tür an der rechten Seite des Königslisten-Korridors führt in einen Sechs-Säulenraum mit Darstellungen an den Wänden, die zum Teil als Relief, zum Teil in Malerei angebracht sind. Die lediglich aufgemalten Darstellungen stellen die kunsthandwerkliche Vorstufe vor dem Arbeitsschritt der Ausarbeitung des Reliefs dar.

Am Ende des Königslisten-Korridors gelangt man durch einen Durchgang in einen Schlachthof mit einem Umgang von sieben Säulen. Die Darstellungen an den Wänden geben Hinweise auf die Bedeutung des Hofes: Es geht um das Schlachten der Opfertiere und Zubereiten des Opferfleisches für den Kult im Tempel. Vier Durchgänge zweigen vom Schlachthof zu kleineren Nebenräumen ab. Nach Norden führt ein weiterer Durchgang zum Umgang des Tempels, durch den man zu den Magazinräumen und zum Tempelpalast gelangen kann, die an der Ostseite des Tempels in Ziegelbauweise errichtet worden waren.

Hinter dem Sethos-Tempel (also südwestlich davor), aber noch innerhalb des Tempelbezirks bzw. innerhalb der ehemaligen Umwallung, befindet sich ein weiterer Kultbau für die Osiris-Mysterien. Es handelt sich um das sogenannte Osireion. Das Osireion ist das Grab des Osiris – aber natürlich nur symbolisch und kultisch. Genauer gesagt handelt es sich um das Scheingrab (Kenotaph) des nach seinem Tode zu Osiris geworden Pharao Sethos I. Der erste Blick auf diese ehemals unterirdische Anlage mag etwas enttäuschend sein. Man sieht einen viereckigen Pool mit Resten von Pfeilerkolonnaden. Das Wort Pool hat Sinn, denn tatsächlich ist das Grab zum Teil mit dem angestiegenen Grundwasser gefüllt und von Wassergras bewachsen. Man kann also nur von oben herabschauen. Wie muss man sich die ursprüngliche Anlage vorstellen?

Die riesigen Pfeiler, die je über fünfzig Tonnen wiegen, tragen noch einige schwere Querbalken, die Architrave. Darüber waren längliche Steinplatten quer gelegt, die einst das Dach bildeten. Auf dem Dach war ein Erdhügel aufgetürmt, vermutlich sogar mit kleinen Bäumchen bepflanzt. Sein Grab lag also unterhalb des kultischen Urhügels. Im Grab selbst stand der Kultsarkophag des Sethos-Osiris auf einer Erhöhung, einer Art Insel, die von einem Wassergraben umgeben war. Dieser Wassergraben wurde unterirdisch durch einen kleinen Kanal mit Wasser gefüllt. Den Zugang zu diesem unterirdischen Kultgrab bildete ein langer absteigender Korridor, der von Nordwesten kommt und kurz vor dem Scheingrab nach Nordosten abknickt. Nach einem schmalen Querraum folgt schließlich der Eingang zum Kultgrab

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Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg