Abydos

Eine der herausragenden und ältesten religiösen Wallfahrtsorte und Kultzentren im alten Ägypten war die oberägyptische Stadt Abydos .

Der auf der Westseite des Nils gelegene oberägyptische Ort war lange Zeit das Zentrum des Osiris-Kultes Er war für den altägyptischen Totenkult von besonderer Bedeutung. Hier soll, der altägyptischen Mythologie entsprechend, der Totengott Osiris, der in mythischer Vorzeit Herrscher auf Erden gewesen sein soll, begraben sein. Archäologische Ausgrabungen konnten zwar wenig von der antiken Stadt zutage fördern. Doch ist der sehenswürdige Osiris-Tempel aus der Regierungszeit Sethos’ I. (19. Dynastie) mit seinen zum Teil noch farbigen Reliefbildern gut erhalten. Weitere erwähnenswerte Bauten aus der Zeit des Neuen Reiches sind die Tempel von Ramses II. , Thutmosis III. und die Kultpyramidenanlage des Ahmose. Aus dem Mittleren Reich sind die Kultanlagen von Sesostris III. (12. Dynastie) bedeutend. Ebenfalls von archäologisch und historisch großer Bedeutung sind die Grabanlagen aus der Vor- und Frühdynastischen Zeit (4. Jahrtausend und Beginn des 3. Jahrtausends v. Chr.) an der Ausgrabungsstätte Umm el-Qa’ab (bzw. Umm el-Gaab, arabisch „Mutter der Scherben“). Sie wird so genannt, weil dort die Bruchstücke unzähliger Keramikgefäße gefunden wurden, die teils als Grabbeigaben dort deponiert wurden und andernteils von Pilgern gestiftet worden waren. Dank jüngerer Ausgrabungen in Abydos, insbesondere durch das Deutsche Archäologische Institut (DAI-Abteilung Kairo), hat sich das Wissen um die früheste Zeit des Pharaonenreiches und über die Entstehung des alten Ägypten als Staat und Hochkultur erheblich erweitert.

Lage und Anfahrt: Die Ruinen dieses altägyptischen Ortes liegen etwa 100 Kilometer Luftlinie nordwestlich von Luxor und etwa 15 Kilometer südlich von Baljana. Da man, um dorthin zu gelangen, die Straße am Nil entlang fährt, muss man dem Qena-Bogen folgen. So ergibt sich mit dem Auto eine Strecke von etwa 160 Kilometern und zweieinhalb Stunden Fahrzeit. Wer von Luxor aus einen Tagesausflug nach Abydos unternehmen möchte, sollte deshalb schon früh morgens aufbrechen. Ideal ist eine Verknüpfung mit der Besichtigung des Hathor-Tempel s von Dendera, der auf dem Weg liegt. Abydos liegt in der Provinz bzw. im Verwaltungsbezirk von Sohag . Von Sohag selbst sind es rund 60 Kilometer und eine Stunde Fahrzeit.

Reisende mit wenig Zeit sollten ihre Besichtigung auf den Sethos-Tempel beschränken. Wer alle archäologischen Ausgrabungen in Abydos sehen will, sollte mindestens einen ganzen Tag einplanen, denn die Sehenswürdigkeiten sind umfangreich und weit verstreut.

Wegen der politischen Verhältnisse im südlichen Mittelägypten und der Angst vor islamistisch motivierten Anschlägen auf Touristen, war lange Zeit die Zahl der Besichtigungen gering. Oft wurden nur Konvois von Touristenbussen mit polizeilicher Begleitung zugelassen. Manchmal gab es militärischen Begleitschutz. Individualreisende wurden oft wegen zu hoher Gefahr an den Polizeisperren aufgehalten und zur Umkehr (nach Luxor oder Dendera) gezwungen. Da sich durch die Revolution von 2011 die politischen Verhältnisse verändert haben, ist damit zu rechnen, dass die Sehenswürdigkeiten von Abydos wieder einem größeren touristischen Publikumsverkehr zugänglich gemacht werden. Auch wenn sich der Großteil der Reisenden auf den Tempel von Sethos I. konzentrieren wird, um dann ggf. nach Dendera weiter zu fahren, sollen hier auch die anderen Ausgrabungsstätten vorgestellt werden, deren Besuch wegen der historischen Bedeutung lohnt.

Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Abydos:

Der Tempel von Sethos I. in Abydos

Der Tempel von Ramses II. in Abydos

Die vor- und frühdynastischen Gräber in Um el-Qa’ab, die Talbezirke der frühdynastischen Gräber und die Reste der antiken Stadt in Kom es-Sultan mit dem Chontamenti-Tempel

Die Kultanlagen von Sesotris III. und von Ahmose in Abydos

Osiris-Kult in Abydos

Osiris war ein Totengott mit überregionaler Bedeutung. Dabei löste er erst im Laufe des Alten Reiches andere Totengötter, wie zum Beispiel Sokar, in ihrer Bedeutung ab. Seit dem Mittleren Reich und bis in die griechisch-römische Epoche war er die zentrale Figur des Totenkultes. Aus dem Mittleren Reich gibt es viele Stelen mit Hieroglypheninschriften, die auf seinen Kult Bezug nehmen. Man sieht diese Stelen in fast allen Museen mit ägyptischer Kunst. Oft waren diese Stelen ursprünglich in Abydos aufgestellt. Dort fanden alljährlich Feste zu Ehren des Totengottes statt. Bei diesen Festen handelte es sich um Prozessionsfeste. Eine Statute oder ein Totem des Gottes wurde unter feierlichem Pomp von seinem Heiligtum, dem Osiris-Tempel, zu seinem (Kult-)Grab getragen. Man weiß nicht genau, wo dieses Grab lokalisiert werden kann. Vermutlich lag es im Bereich der Schutthügel südwestlich des Tempels.

Zunächst wurde der Gott (d.h. seine Statue) aus seinem Heiligtum, dem „Gotteshaus des Osiris Chontamenti“ (Chontamenti heißt hier übertragen: „Derjenige, der den westlichen (d.h. Toten) vorsteht“) geholt. Dann setzte sich der Festzug, die „große Prozession“, in Gang. Dabei wurde der Gott vermutlich in einer Barkensänfte getragen, wie es auch bei anderen Göttern zu späteren Zeiten üblich war. Damit spielte man auf die Begebenheiten Ägyptens an: Der Nil als Hauptverskehrader Ägyptens war auch die „Hauptstraße“ der Götterbarken. Dort, wo der Prozessionszug losging, am „Podest des großen Gottes“ standen unzählige Stelen. Diese Stelen wurden von bedeutenden Amts- und Würdenträgern und von wohlhabenden Ägyptern gestiftet. Auf diesen Stelen ist ihr Name und ihr sozialer Hintergrund (Familie, Status, Ämter und Würden) aufgezeichnet und der Wunsch genannt, an der Prozession teilhaben zu dürfen. Und in der Tat: Durch das Stiften der Stelen waren die Stifter bei allen Kultfeiern des Osiris vertreten und somit „anwesend“. Der Festzug zog durch das Gräberfeld, über „heilige Erde“, zu einem Ort namens Poker, dort, wo das (Kult-)Grab des Osiris war. Der ganze Festzug war begleitet von unzähligen Ritualen und Mysterienspielen.

Die Bedeutung der Osiris-Mysterien war für den Totenkult allgemein so wichtig, dass bei allen Bestattungszeremonien in Ägypten die Toten eine symbolische bzw. rituelle Wallfahrt nach Abydos unternahmen.

Anmerkung: Es gibt noch einen anderen Ort gleichen Namens, und zwar in Unterägypten. Das unterägyptische Abydos (Abusir el-Meleq, zwischen Nil und Fayum) war auch ein Kultort des Osiris. Ebenso gab es hier eine Nekropole.Auswahl weiterführender Literatur:
  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München und Zürich 1994.
  • Arnold, Dieter, Die Tempel Ägyptens, München und Zürich 1992.
  • Calverly, A.M. und M.F. Broome, The Temple of King Sethos at Abydos (4 Bände, herausgegeben von Alan Gardiner), Chicago 1933-159.
  • Dreyer, Günter, „Friedhof B: Vom König zum Gott – Die Anfänge monumentaler Architektur”, „Könisgräber ab Djer: Wege zur Auferstehung”, „Frühe Schriftzeugnisse”, in: Günter Dreyer und Daniel Polz (Hrsg.), Begegnung mit der Vergangenheit – 100 Jahre in Ägypten (Deutsches Archäologisches Institut Kairo 1907-2007), Mainz 2007, S. 193-217.
  • Hartung, Ulrich, „Der prädynastische Friedhof U: Nilpferdjäger und erste Bürokraten“, in: Günter Dreyer und Daniel Polz (Hrsg.), Begegnung mit der Vergangenheit – 100 Jahre in Ägypten (Deutsches Archäologisches Institut Kairo 1907-2007), Mainz 2007, S. 187-192.
  • Kemp, Barry J., “Abydos”, in: Lexikon der Ägyptologie, Band 1, Wiesbaden 1973, Sp. 28-41.
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Petrie, William Flinders, Abydos I-II, London 1902-1903.
  • Willkinson, Richard H., The Complete Temples of Ancient Egypt, London 2000.
Autor dieses Artikels:
Mirco Hüneburg