Felsentempel von Abu Simbel

Felsentempel von Abu Simbel (Foto: M. Hüneburg)
Zu den prominentesten Monumentalbauten aus dem alten Ägypten zählen die zwei Felsentempel von Abu Simbel. Sie stammen aus der Regierungszeit von Pharao Ramses dem Großen ( Ramses II. User-Maat-Re, Neues Reich , 19. Dynastie, 13. Jahrhundert v. Chr.). Die Felsentempel sind die größten ihrer Art in ganz Ägypten.
 
Abu Simbel liegt etwa 280 km südlich von Assuan und rund 40 km nördlich der sudanesischen Grenze. Wegen der relativ großen Entfernung zur nächsten großen Stadt hat sich in der Nähe der Tempel eine kleine Ortschaft entwickelt, die zum größten Teil vom Tourismus lebt. Restaurants, Hotels und Souvenirshops sind die Haupteinnahmequellen der Bewohner. Ein anderer wichtiger Arbeitgeber vor Ort ist der kleine Flughafen. Da die Anfahrt mit dem Bus von Assuan drei bis vier Stunden Wüstenfahrt in Anspruch nimmt und die Nilkreuzfahrtschiffe wegen des Assuan-Hochdammes nicht bis nach Abu Simbel fahren können, wurde eigens für die Reisegäste ein Flughafen errichtet. Dort landen die Gäste, die zumeist aus Assuan oder Luxor angeflogen kommen, um einen Tag lang die Tempelanlagen zu besichtigen. Die meisten Gäste reisen am selben Tag an und ab. Es gibt auch einige wenige kleine Fährschiffe und Boote mit Sonderlizenzen, die auf dem Nasser-See Kreuzfahrten anbieten und dabei natürlich auch in Abu Simbel anlegen. Wegen der Nähe der sudanesischen Grenze und wegen des Flughafens gibt es im Ort ein relativ hohes Aufgebot an Sicherheitskräften.

Das Felsentempel-Ensemble von Abu Simbel gehört zu den größten Tempelanlagen Nubiens. Als Nubien bezeichnet man im geographischen Sinne die Landschaft und den Nilabschnitt zwischen Assuan im Norden und Khartoum im Süden. Es sind zwei Felsentempel: ein kleiner und ein großer. Der große wurde der Verehrung des göttlichen Pharao Ramses II. zusammen mit den drei großen Reichsgöttern, Ptah von Memphis, Amun-Re von Theben und Re-Harachte von Heliopolis geweiht. Mit diesen Götternamen sind auch die drei bedeutendsten Tempelinstitutionen der Ramessidenzeit verbunden. Ähnlich wie bei den Totentempeln der Könige ist in Abu Simbel die Verehrung Pharaos mit den Götterkulten verknüpft. Der andere, kleinere der beiden Tempel ist der königlichen Gemahlin Nofretari geweiht.
 

Entdeckungsgeschichte vom Abu Simbel

Ramses-Statuen von Abu Simbel (Foto: M. Hüneburg)
Wegen der südlichen Lage weitab in Nubien waren die Tempel von Abu Simbel nach dem Ende der römischen und byzantinischen Epoche über Jahrhunderte aus dem Blickfeld europäischer Reisender geraten. Nur selten kamen Europäer den Nil bis nach Nubien herauf. Auch die Gelehrten, welche die französische Ägyptenexpedition unter Napoleon Bonarparte 1798 bis 1799 begleiteten, um die Altertümer Ägyptens zu dokumentierten, gelangten nicht weit genug in den Süden, um auf Abu Simbel zu treffen.

Der erste Europäer, der der den Tempel wiederentdeckte, war der schweizerische Gelehrte und Abenteuerreisende Johann Ludwig Burckhardt (Jean Louis Burckhardt, 1784 bis 1817), der als Orientale verkleidet unter dem Decknamen Scheich Ibrahim eine mehrjährige Expedition durch den Nahen Osten und Nordafrika unternahm. Als Burckhardt im Jahre 1813 den Tempel von Abu Simbel sah, war ein Teil der Front des Tempels von einer großen Sanddüne zugeweht. Der Eingang war zugeschüttet und nicht erreichbar. 1817 kam schließlich der Abenteurer und Amateurarchäologe Giovanni Battista Belzoni (1778 bis 1823) nach Abu Simbel. Er ließ den Eingang freilegen und gelangte ins Innere des Tempels. Die ersten genaueren wissenschaftlichen Aufzeichnungen wurden 1828 von Jean-François Champollion (1790 bis 1832), dem berühmten Entzifferer der Hieroglyphen, und 1844 von Karl Richard Lepsius (1810 bis 1884), dem Begründer der deutschen Ägyptologie , angefertigt. In seiner ganzen Pracht und Größe der europäischen Öffentlichkeit näher gebracht wurden die Felsentempel von Abu Simbel durch die Zeichnungen, Farblithographien und Ölgemälde des englischen Künstlers David Roberts (1796 bis 1864), der von 1838 bis 1839 das Land am Nil bereiste. Seine eindrucksvollen Bilder illustrieren seitdem zahlreiche Bücher und Postkarten. Die Art und Weise, wie sich die Felstempelkulisse in die pittoreske Nil- und Wüstenlandschaft fügt, und die geheimnisvolle Aura der riesigen Monumentalstatuen, ließ Abu Simbel zu einem Sinnbild für das mystische alte Ägypten werden. Ein anderer prominenter Orientreisender, der bereits 1837 Abu Simbel besuchte, war Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785 bis 1871). Auch er widmete Abu Simbel in seinen als Buch verlegten Reisememoiren eine ausführliche Beschreibung. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war Abu Simbel schließlich bekannt genug, um zum Reiseprogramm vieler europäischer Ägyptentouristen zu gehören. Heute gehört Abu Simbel neben den Pyramiden und der Sphinx von Giza zu den bekanntesten Postkartenmotiven altägyptischer Baukunst überhaupt und war bereits mehrfach Kulisse von Filmszenen.
 

Versetzung der Felsentempel von Abu Simbel

Die Errichtung des Assuan -Hochdammes hatte die Stauung des Nils zu einem gewaltigen See zur Folge. Der Nasser-See sollte Ägypten einen niemals versiegenden Speicher an Süßwasser bescheren. Doch den Preis dafür zahlten die Nubier, die in dieser Region siedelten. Hunderte Ortschaften mit ihren Gärten und Feldern mussten weichen. Auch die zahlreichen Tempelanlagen aus dem Altertum, die fast alle am Nilufer standen, waren in Gefahr. Die Felsentempel von Abu Simbel waren die international bekanntesten und der Aufhänger, um die Weltöffentlichkeit von der Bedeutung der nubischen Tempel zu überzeugen. Schließlich wurde unter der Schirmherrschaft und mit finanzieller Unterstützung der UNESCO eine Rettungsaktion beschlossen. Die Tempel sollten zerlegt, abgebaut und 180 Meter landeinwärts an einer etwa 65 Meter höheren Stelle wieder aufgebaut werden.

Nach langen Planungen wurde 1963 mit den Bauarbeiten begonnen. Zahlreiche Firmen aus mehreren Ländern waren an dem Projekt beteiligt. Die Projektleitung lag bei dem deutschen Bauunternehmen Hochtief aus Essen. Zunächst wurde ein Kofferdamm mit Spundwand angelegt, um den Tempel vor dem steigenden Wasserstand des Nasser-Sees zu schützen. Große Teile des umliegenden Felsens wurden abgetragen, um den eigentlichen Tempelbereich freizulegen. Dann begann man, den großen und den kleinen Felsentempel von Abu Simbel in einzelne transportfähige Blöcke zu zerlegen und diese zu registrieren und zu katalogisieren. Besondere Vorsicht war beim Zersägen der Monumentalstatuen und Wandreliefs geboten, um diese später nahezu fugenfrei wieder zusammenfügen zu können. Die schwersten Blöcke wogen an die 30 Tonnen. Die meisten waren allerdings kleiner und wogen 12 bis 20 Tonnen. Nach der Zusammensetzung der einzelnen Bauteile und dem Wiederaufbau am neuen Platz überspannte man den hinteren Teil der beiden Tempel mit jeweils einer mächtigen Betonschale, die dann von außen mit Steingeröll überlagert wurde, so dass das ursprüngliche und charakteristische Aussehen der Heiligtümer als Felsentempel bewahrt werden konnte.
 

Die Fassadenfront der große Felsentempel von Abu Simbel

Mit seinen vier riesigen, rund 20 Meter hohen Monumentalstatuen, die Pharao Ramses darstellen, gehört der große Felsentempels von Abu Simbel zu den beeindruckensten Bauwerken des alten Ägypten. In den Fels geschlagene Tempel und Kapellen waren bis zur Erbauung Abu Simbels zwar nicht neu, doch in dieser Monumentalität blieb die Anlage bis heute einmalig. Die vier Sitzstatuen wurden beim Wiederaufbau des Tempels exakt so hergerichtet, wie sie bei der alten Lage des Tempels vorgefunden wurden. Aus diesem Grund ist die Figur links des Tempeleingangs, die schon in der Antike, und zwar schon zu Lebzeiten Ramses II. in seinem 31. oder 32. Regierungsjahr, durch ein Erdbeben zu Schaden gekommen war, nicht wieder komplett hergestellt worden. Der herab gefallene Oberkörper liegt wie ehedem auf dem Boden. Die Figuren zeigen den König mit königlichem Kopftuch, darauf der Doppelkrone von Ober- und Unterägypten, mit Uräus-Schlange an der Stirn und Zeremonialbart am Kinn. An den Seiten und zwischen den Beinen der Monumentalstatuen sind kleine Figuren von königlichen Familienmitgliedern herausgearbeitet worden. Alle Figuren schauen zum Osthorizont, wo die täglich die Sonne aufgeht. Auf der Tempelterrasse vor den Monumentalstatuen steht eine Reihe kleinerer Figuren, und zwar jeweils abwechselnd Darstellungen von Pharao Ramses mit königlichem Kopftuch und Doppelkrone sowie Abbilder des Horusfalken.

Oben wird die Tempelfront von einem Fries aus herausreliefierten Pavianen bestimmt. Paviane galten als besondere Sonnenanbeter, weil diese Tiere bei Sonnenaufgang viel Lärm machen. Daher sind sie auch in den altägyptischen Unterweltsbüchern als Begrüßer der Sonne dargestellt. Über dem Eingang ist eine Relieffigur in einer Hochnische herausgemeißelt, die den Sonnengott Re-Harachte mit Falkenkopf und Sonnenscheibe darstellt. In den Händen hält die Figur an der einen Seite einen Stab mit Schakalskopf, der ägyptisch als “User” (das soviel wie “stark” bedeutet) gelesen werden kann, an der anderen Seite einen Stab in Form der Göttin Maat (“Wahrheit, Gerechtigkeit, Harmonie, etc.”). Liest man die zwei Zeichen zusammen mit dem dargestellten Gott als Wortkombination, erhält man den Thronnamen des Königs: User-Maat-Re (“Stark ist die Wahrheit des Sonnengottes”). An den Thronsockeln der Monumentalstatuen sind im Eingangsbereich Reliefdarstellungen von Nilgöttern und unterworfenen Fremdvölkern zu sehen.

Das Innere des großen Felsentempels von Abu Simbel

Osiris-Statuen in der Eingangshalle von Abu Simbel (Foto: M. Hüneburg)
Durch das Eingangsportal gelangt man ins Innere der Anlage. Der erste Raum ist eine 17,7 mal 16,5 Meter große Halle mit acht Osiris-Pfeilern. Jede dieser Standfiguren ist fast 10 Meter hoch. Alle Figuren tragen den Namen von Ramses, sind also Darstellungen des Königs als Osiris. An der Decke sind noch Malereien mit Geierdarstellungen erhalten. Auf der nördlichen Seitenwand des Nordflügels der dreischiffigen Eingangshalle befinden sich die berühmten Reliefszenen und Beschreibungen der Schlacht von Kadesch (Qadesch). Kadesch war eine syrische Stadt am Fluss Orontes. Dort trafen die Heere der Ägypter und Hethiter aufeinander. Die Reliefszenen gehören neben denen in Karnak und Medinet Habu zu den ausführlichsten und detailreichsten Kriegsdarstellungen aus dem alten Ägypten. Die Schlacht von Kadesch im vierten Jahre der Regierungszeit Ramses’ II. war eine der außergewöhnlichsten historischen Ereignisse jener Zeit. In Syrien trafen zwei nahöstliche Großmächte aufeinander: das anatolische Großreich der indoeuropäischen Hethiter und das ägyptische Reich der Pharaonen, deren imperiale Expansionsbestrebungen sich im syrischen Bereich überschnitten und so zum Konflikt führten. Die Bedeutung dieser Ereignisse wird durch die Tatsache unterstrichen, dass Ramses ähnliche Kriegsberichte und Schlachtdarstellungen zum selben Ereignis auf dem Eingangspylon des Luxor-Tempel s, auf der südlichen Tempelwand in Karnak und in seinem Totentempel in Theben, dem Ramsseum anbringen ließ. Ramses’ Gegner war der hethitische König Muwatalli. Beide Herrscher waren bei dem Krieggeschehen persönlich anwesend. Auf ägyptischer Seite standen etwa 20.000 Soldaten, aufgeteilt in vier Divisionen. Die hethitische Streitmacht bestand aus etwa 37.000 Soldaten. Beide Seiten verfügten zudem über starke Streitwagenabteilungen. Ramses war an der Spitze der ersten Division, die als Vorhut voranschritt und den Fluss Orontes überquert hatte, in einen militärischen Hinterhalt geraten. Nur das rechtzeitige Eingreifen einer weiteren ägyptischen Truppe, die von der Küstenregion verspätet auf das Kriegsgebiet vorrückte, konnte der Pharao aus seiner misslichen Lage befreit werden. Daraufhin zogen sich die Ägypter zurück. Diese militärische Niederlage wurde jedoch daheim als Sieg verkauft. Die vielen ägyptischen Kriegsberichte idealisieren die Rolle Ramses’ II. im Schlachtverlauf. Seine Befreiung aus dem feindlichen Hinterhalt wird auf ein persönliches Eingreifen des Gottes Amun zurückgeführt, den der Pharao in seiner Not angerufen haben soll.
Viele Jahre nach diesen Geschehnissen, kam es zur diplomatischen Annäherung beider nahöstlicher Großmächte und im 21. Regierungsjahre Ramses’ II. zum ersten historisch überlieferten Friedensvertrag der Geschichte mit dem neuen hethitischen König Hattuschili III., sowie, im 34. Regierungsjahr, zu einer diplomatischen Hochzeit zwischen Ramses und einer hethitischen Königstochter.

Nun soll kurz die Reihenfolge der Darstellungen zur Hethiterschlacht auf der Nordwand der Pfeilerhalle erläutert werden. Zunächst sei das untere Register von links nach rechts beschrieben. Man sieht zuerst den Auszug der ägyptischen Truppen. Dann kommt eine Darstellung des ägyptischen Feldlagers, das mit einer Schutzpalisade aus Schilden umgeben ist. Man erkennt Details des militärischen Lagerlebens, wie z.B. die Pferde der Streitwagenkolonne gefüttert und umsorgt werden und die Zelte in der Mitte des Lagers. Dann folgt eine Darstellung des Königs, der mit seinen hohen Militärs Kriegsrat hält. Unterhalb dieser Szene ist dargestellt, wie zwei Verräter bzw. feindliche Spione von ägyptischen Wachsoldaten verprügelt werden. Dann folgt eine Schlachtszene der Wagen-Kavallerie. Im oberen Register ist von links nach rechts das weitere Kampfgeschehen der Schlacht geschildert. Ganz groß in der Mitte prescht Ramses II. mit seinem Streitwagen ins Kampfgewühl. Er ist bereits von feindlichen hethitischen Kampfwagen (erkennbar an der Drei-Mann-Besatzung) umgeben. Dann, weiter rechts, folgt eine schöne bildliche Darstellung der Stadt Kadesch. Man sieht die Befestigungsmauern und Türme sowie die Verteidigungstruppen der Stadtbefestigung. Man sieht ebenso, wie die Stadt vom Fluss Orontes umflossen wird. Nach den Kampfszenen folgt schließlich ganz rechts der Triumph Pharaos. Die Gefangenen werden vorgeführt, und die Gefallenen werden anhand abgeschnittener Hände gezählt.

Auf der Südwand der Pfeilerhalle sind sowohl religiöse Szenen dargestellt als auch militärische. Von links nach rechts handelt es sich um Kriegsszenen gegen die Syrer (Erstürmung einer Festung), gegen die Libyer (Kampfszene) und eine Triumphszene auf dem Krieg gegen die Nubier.

Von der Eingangshalle mit den prächtigen Osirispfeilern gehen zu beiden Seiten mehrere Nebenkammern ab. Diese dienten als Magazine, als Schatzkammern für die Tempelschätze und Vorratskammern für die Opfergaben. Solche Magazine waren seit dem Alten Reich üblich.
Auf gerader Achse folgt der Eingangshalle eine weitere Halle mit vier Pfeilern. Die Wände und Pfeiler sind mit Reliefs dekoriert. Eindrucksvoll ist die Darstellung an der Südwand der Halle, die die Prozessionsbarke des Amun-Re zeigt. Auf den Vier-Pfeiler-Saal folgt ein kleinerer Quersaal. Hier sieht man Darstellungen von Ramses bei Kulthandlungen vor verschiedenen Göttern: Min, Horus, Chnum, Atum, Thot und Ptah.

Am Ende der Tempelachse befindet sich das Allerheiligste, das Sanktuarium. Von der Treppe zur Terrasse bis zur Rückwand des Allerheiligsten sind es übrigens etwa 63 Meter, von der Schwelle am Eingangportal an gemessen, sind es ca. 55 Meter. An der Rückwand des Sanktuars befindet sich eine Statuengruppe von vier Sitzstatuen auf einer Thronbank (von links nach rechts): Ptah von Memphis, Amun-Re von Theben, der vergöttlichte Ramses und Re-Harachte von Heiliopolis. Man hat den Tempel an der neuen Stelle so nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, wie er auch an originaler Stelle stand. Vom Eingang bis zum Allerheiligsten ist der Tempel streng axial gebaut. Am 21. Februar und am 21. Oktober, also an den so genannten Äquinoktien, ist für einige Minuten der Lichteinfall solcherart, dass die aufgehende Morgensonne direkt auf die Figuren des Allerheiligsten strahlt. Man spricht hierbei vom berühmten Sonnenwunder.
 

Außenanlagen des großen Tempels von Abu Simbel

Felsentempel der Königin Nefertari (Foto: M. Hüneburg)

Vor dem Felsentempel befinden sich an den Seiten noch zwei kleine Nebenkapellen, die in der Regel dem Besucher allerdings nicht zugänglich sind. Die 6,5 mal 4,5 Meter große südliche Nebenkapelle ist vollständig in den Fels geschlagen worden. Die Kapelle ist der Verehrung des Gottes Thot gewidmet und war vielleicht auch als Geburtskapelle zur Verehrung des göttlichen Pharao gedacht. Die nördliche Nebenkapelle ist nicht aus dem Fels geschlagen, sondern aus Steinblöcken aufgemauert. Bei dieser Kapelle handelt es sich um ein kleines Sonnenheiligtum. Daher wurde das Dach offen gelassen, so dass die Kapelle wie ein kleiner Hof wirkt.

In den Felsen rund um die Fassadenfront des Tempels sind an zahlreichen Stellen Felsenstelen mit Inschriften und Reliefbildern gemeißelt worden. Sie stammen und künden von unterschiedlichen hohen Amtsträgern und den Vizekönigen von Nubien aus der Zeit Ramses’II. und danach. Einige Inschriftenstelen sind königlichen Inhalts, so eine bedeutende Felsinschrift an der südlichen Seitenwand der Fassadenfront des Tempels. Es handelt sich um die so genannte Hochzeitsstele. Die Inschrift berichtet von der bereits erwähnten Hochzeit Ramses’ II. mit einer hethitischen Prinzessin. Im Text ist unter anderem von der Anreise und Ankunft der hethitischen Prinzessin mitsamt des königlichen Geleittrosses und der reichen Mitgiftgaben, den Hochzeitsvorbereitungen und der Vermählung, die den Frieden zwischen dem Reich der Hethiter und dem Land der Pharaonen bringen soll, die Rede.



Der kleine Felsentempel von Abu Simbel

Der kleinere der beiden Felsentempel war der Gemahlin Ramses’ des Großen gewidmet, der Königin Nofretari (auch: Nefertari, ebenfalls 19. Dynastie, um 1260 v. Chr.). Er liegt nur rund 150 Meter nördlich des großen Haupttempels und ist wie dieser in den anstehenden Fels gehauen. Der Tempel ist eine Verbindung aus Verehrungstempel für die Königin und Göttertempel für Hathor. Ein solches Bauwerk der Königsgemahlinnenverehrung ist höchst selten und unterstreicht die Bedeutung, die Nofretari bei Hofe besessen haben muss. Dies wird auch von der Größe und prächtigen Ausstattung ihres Grabes im Tal der Königinnen in West-Theben bestätigt.

Die Fassade ist leicht geböscht. Sie misst 12 mal 28 Meter. Sechs stehende Monumentalfiguren von etwa 10 Meter Höhe zieren die Eingangsfront, drei links und drei rechts des Eingangsportals. Bei den vier männlichen Figuren handelt es sich um Darstellungen des vergöttlichten Ramses, bei den zwei weiblichen um Darstellungen der Königin Nofretari als Verkörperung der Göttin Hathor. Die verschiedenen kleinen Nebenfiguren an den Beinen zeigen deren gemeinsame Kinder. Die Fassade entspricht dem Pylon bei einem freistehenden Tempel. Ursprünglich war die Fassade am oberen Rand von einer Hohlkehle abgegrenzt, die jedoch im Laufe der Zeit, von ein paar Resten abgesehen, abgebrochen ist.

Durch den Eingang gelangt man in eine dreischiffige Pfeilerhalle. Die sechs Pfeiler sind an der Gangseite mit Reliefs dekoriert, die jeweils ein Hathorsistrum zeigen, d.h. ein Rasselinstrument mit dem Kopf der Göttin Hathor. Solche Instrumente wurden bei heiligen Ritualen verwendet, um den Zorn der Göttin zu besänftigen und sie Milde zu stimmen. Die Reliefs an den Wänden thematisieren hauptsächlich Opfer- und Ritualtätigkeiten des königlichen Paares vor den Gottheiten. An der Eingangswand sind Szenen der rituellen Feinderschlagung dargestellt: Ramses II. erschlägt in Anwesenheit Re-Harachtes einen gefangenen Libyer und vor dem Gott Amun-Re einen Nubier.

Drei Durchgänge, von jedem der drei Schiffe der Pfeilerhalle jeweils einer, führen zu einem Querraum mit zwei unvollendeten Seitenkammern. Am Ende der Tempelachse befindet sich das Sanktuarium, das Allerheiligste der Anlage. In einer Nische an der Rückwand sind die Reste der zerstörten Figur der Hathorkuh erkennbar. Sie tritt scheinbar aus dem Fels heraus. Unter ihrem Kinn steht eine Figur des Königs. Die Bedeutung dieser Rundbildkomposition verdeutlicht die Rolle Hathor als schützende Göttin des Königtums. Die Reliefs zeigen unter anderen die Königin Nofretari beim Rauchopfer vor den Göttinnen Mut und Hathor. Auch der König ist dargestellt: Er räuchert vor dem Standbild von ihm selbst und seiner Königsgemahlin Nofretari.

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München u. Zürich 1994.
  • Burkhardt, Johann Ludwig, Reisen in Nubien, Tübingen 1981 (Original: Travels in Nubia, London 1819).
  • Dümichen, Johannes, Der Felsentempel von Abu Simbel und seine Bildwerke und Inschriften, Berlin 1869.
  • Hawass, Zahi, The Mysteries of Abu Simbel: Ramesses II and the Temples of the Rising Sun, Kairo 2001.
  • Hawass, Zahi, Wonders of Abu Simbel: The Sound and Light of Nubia, Kairo 2010.
  • Magi, Giovanna, Assuan - Philae - Abu Simbel, Florenz 1992.
  • Noblecourt, Christiane Desroches u. Georg Gerster, Die Welt rettet Abu Simbel, Wien, Berlin u.a. 1968.
  • Otto, Eberhard, “Abu Simbel”, in: Lexikon der Ägyptologie , Band I, Sp. 25-27.
  • Scholz, Piotr O., Abu Simbel: In Stein verewigte Herrschaftsidee, Köln 1994.
  • Stock, Michael und Jill Kamil, Aswan and Abu Simbel - History and Guide, Kairo 1993.
  • Way, Thomas von der, Die Textüberlieferung Ramses’ II. zur Qades-Schlacht - Analyse und Struktur, Hildesheimer Ägyptologische Beiträge 22, Hildesheim 1984.
  • Willeitner, Joachim, Nubien: antike Monumente zwischen Assuan und Khartoum, München 1997.
  • Willeitner, Joachim, Abu Simbel: Felsentempel Ramses’II. von der Pharaonenzeit bis heute, Mainz 2010.
  • Wilkinson, Richard H., The Complete Temples of Ancient Egypt, London 2000.
  • Zecchi, Marco, Abu Simbel, Assuan und die nubischen Tempel - Kunst und Archäologie, Vercelli 2004.

Autor dieses Artikels:

Mirco Hüneburg