Aboukir

André Bernand, Paris, 15. April 2000.

Aus der gesamten ägyptischen Küstenlinie verspricht die Bucht von Aboukir mit Sicherheit die schönsten archäologischen Funde. Bei relativ geringer Tiefe erstreckt sich diese Bucht über eine erhebliche Länge und enthält Bauwerke und andere Objekte, von denen die bisher gemachten Entdeckungen nur eine schwache Idee vermitteln können.

Die Zeugnisse antiker Autoren über den einstmals Kanopus genannten Ort sind so zahlreich, dass sie alleine bereits die Stellung erhellen, die die Stadt von der Gründung Alexandrias 331 v. Chr. an im Hellenismus und dem römischen Weltreich einnahm. Beginnend mit den Gedanken des Hekatäus von Milet (Ende 6. Jahrhundert v. Chr.), den Streiflichtern tragischer Autoren wie Äschylus und den Zeugnissen Herodots (5. Jahrhundert v. Chr.), den Gedichten von Kallimachus, Poseidippos oder Nikander, über die kapitalen Reisebeschreibungen von Strabo (66 v. Chr. - 24 n. Chr.), Aelius Aristides (129 - 172 n. Chr.) oder Pausanias bis hin zu den Kirchenvätern wie Sankt Epiphanus von Salamis, Rufinus von Aquiläa, Eunapus, Sankt Hieronymus, dem Rhetoriker Zacharias oder Sankt Sophronius von Jerusalem (7. Jahrhundert n. Chr.), bietet uns eine ganze Sammlung von Texten eine Vielzahl von Auskünften.

Die Papyrus-Dokumente vermitteln ebenfalls wertvolle Einblicke z. B. in die Verbindungswege im Delta, in die Produkte der Region, die Arbeiten im Nomen von Herakliopolis und die Höhen der Nilfluten.

Griechische Inschriften, insgesamt etwa 30, weisen in Richtung der Suche nach Monumenten in der Region sowie darauf, was vernünftigerweise an Resten zu erwarten ist, die heute noch unter den Wassern verborgen
liegen.

Die Reisenden haben seit dem 18. Jahrhundert ständig den Küstenstrich entlang der Bucht von Aboukir besucht. Bereits 1730 schrieb N. Granger: «Von Bekiers (= Aboukir) bis Alexandria geht man durch Ruinen», desgleichen Richard Pococke 1737 und C. S. Sonnini 1777. Vivant Denon wanderte 1798 lediglich entlang dem Meeresrand. 1859 führte der Ingenieur Larousse für die Suez-Kompanie sporadische Messungen des Bodens des kanopischen Nilarms durch. 1891 unternahm A. Daninos eine Untersuchung auf Meereshöhe sowie Tiefensondagen an verschiedenen Punkten um das Kap Zephyrium, nordöstlich von Fort Tewfikieh. Evaristo Breccia, Direktor des griechisch-römischen Museums in Alexandria von 1906 bis 1932, war beständig an der Gegend von Aboukir interessiert, unterstützt von Prinz Omar Toussoum, dem Besitzer großer Latifundien in Aboukir und Maamourah und weisen Kenners des Deltas. Die glücklichste Initiative Breccias war eine kurze Unterwasser-Suche außerhalb von Fort Ramleh, wo römische Thermen, Becken und Zisternen gefunden wurden. Das Gebiet südlich von Fort Tewfikieh lieferte die wichtigsten Objekte, wovon viele von einen untergegangenen Serapeion stammen sowie vielleicht auch einem Iseion. G. Daressy stellte 1929 fest, dass das antike Thonis, das seiner Meinung nach ein und dasselbe wie Herakleion ist, etwa 3,5 km östlich vom Kap Zephyrium zu finden war und dass das ebenfalls untergegangene antike Menouthis zwischen Thonis und Kap Zephyrion liegen müsse. Diese Ortung von Menouthis unter Wasser wurde in der Folge bestätigt durch die Flugbeobachtungen von Group Captain Cull, dem Kommandanten des RAF-Standorts in Aboukir sowie am 5. Mai 1933 durch die Beobachtungen während einer Tauchoperation im Skaphander auf Anweisung von Prinz Omar Toussoum. Dabei wurde der berühmte «Kopf Alexanders des Großen aus der Bucht von Aboukir» gefunden. Es steht somit fest, dass Teile der Stadt Kanopus sowie Menouthis und Herakleion in der Tat auf dem Meeresboden der Bucht liegen. Vermessung des antiken Flussbettes des kanopischen Nils und des Profils der Küstenlinie und Studien der Versandungs- und Überlagerungsvorgänge sowie des Anstiegs des Meeresspiegels sind wichtige Schritte, um die Topographie der Antike zu rekonstruieren. Die versunkenen Städte haben sicher ihre Straßenzüge und zweifelsohne auch Bauten und Inschriften behalten.

Berühmte Texte erlauben es, uns die möglichen Entdeckungen vorzustellen. Lesen wir z. B. das berühmte Dekret der Priester, die in Kanopus zu Ehren des Königs Ptolemäus III Evergetes, seiner Frau und seiner Tochter zusammentrafen; es ist dreisprachig (hieroglyphisch, demotisch und griechisch), ist uns durch die Stelen von Kom el-Hisn und Tanis bekannt und auf den 7. März 238 v. Chr. datiert. Man liest dort, dass sich die Priester der wichtigsten Tempel Ägyptens «im Heiligtum des Wohltuenden Gottes in Kanopus» versammelt hatten. Das Dekret erwähnt, dass die Statue der Prinzessin Berenice «zusammen mit Osiris im Heiligtum von Kanopus errichtet wurde - welches nicht nur ein Heiligtum erster Ordnung ist, sondern zudem zu jenen gehört, die vom König und dem gesamten Volk von Ägypten am meisten geehrt werden». Und schließlich lernen wir noch, «dass die Fahrt der heiligen Barke Osiris’ den Fluss hinauf jedes Jahr vom Heiligtum von Herakleion aus am 29. Tage Choiak stattfand und dass alle Priester der Heiligtümer Erster Ordnung Opfer darbrachten auf Altären, die im Namen jedes dieser Heiligtümer beiderseits der Flussstrecke errichtet wurden».

Ein anderer Text - einer von vielen weiteren - regt insbesondere zum Träumen an, nämlich das vom Rhetoriker Zacharias zwischen 511 - 518 n. Chr. verfasste Leben des Severius. Dort beschreibt er die Überführung der in Menouthis gefundenen Idole nach Alexandria: «Nachdem wir geziemend gebetet hatten, zogen wir gen Menouthis und kamen an ein Haus, das gänzlich mit heidnischen Inschriften (Hieroglyphen) bedeckt war. In einer seiner Ecken war eine doppelte Mauer, hinter der die Götzen versteckt waren. Ein kleiner fensterförmiger Zugang öffnete den Weg und durch diesen stieg der Priester hinein, um Opfer zu verrichten». Etwas weiter berichtet der Text: «Dann ging der Tabennesiote hinein. Als er die Vielzahl der Götzen und den mit Blut bedeckten Altar sah, rief er: «es gibt nur einen Gott», womit er ausdrücken wollte, dass die Schrecken der Vielgötterei ausgemerzt werden müssten. «Er reichte uns zuerst das völlig mit Blut angefüllte Götzenbild des Chronos, dann alle anderen Teufelsbilder, sowie ein ganze Sammlung von Götzen aller Art, insbesondere Hunde, Katzen, Affen, Krokodile und Reptilien, denn dazumal beteten die Ägypter auch Tiere an».

Wir wünschen den Tauchern in der Bucht von Aboukir, all jene Überreste zu finden, die nicht bereits geborgen worden sind. Eine Arbeit immensen Ausmaßes bleibt noch zu verrichten, aber die Entdeckungen des von Franck Goddio geleiteten Teams im Osthafen von Alexandria entheben uns jeden Zweifels am Erfolg der Arbeiten, die jetzt oder in Zukunft in der Bucht von Aboukir unternommen werden.