Tempelanlagen von Karnak (Luxor) Teil 1 Einführung

Sie ist neben den Pyramiden von Giza der Höhepunkt einer jeden Ägyptenreise und Ziel von Millionen von Besuchern jährlich: die große Tempelstadt von Karnak. Tatsächlich sind die zwei Kilometer nördlich von Luxor gelegenen Ruinen von Karnak weit mehr als nur die Überreste eines Tempels. Vielmehr handelt es sich es sich um einen riesigen Komplex aus vielen unterschiedlichen Tempeln und Kultanlagen, die miteinander in Beziehung stehen. Hier schlug für viele Jahrhunderte das religiöse Herz Ägyptens. Karnak war der Hauptkultort des Reichsgottes Amun-Re und das größte Heiligtum des ganzen Reiches. Zusammen mit Amun wurden auch die Gottheiten Mut, Chons, Month, Opet, Ptah und Min verehrt. Die Götter Amun, Mut und Chons bilden eine Triade, eine typische Götterfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und Götterkind.

Die Anfänge dieses Tempels reichen viertausend Jahre zurück. Zumindest ist dies das Alter der ältesten archäologischen Funde in Karnak. Es ist nicht auszuschließen, dass es unterhalb der Ruinen noch Reste älterer Anlagen gibt. Doch was man bisher konkret als ältestes Gebäude in Karnak identifiziert hat, ist eine kleine Kapelle aus weißem Kalkstein, die der König Sesostris I. (12. Dynastie) als Barkenstation für die religiösen Feste des Amun errichten ließ. Bei solchen Festen wurde die Statue des Gottes in einer Barkensänfte umhergetragen. Die feierliche Prozession hielt an Kultpunkten und Barkenstationen, um bestimmte Riten zu vollziehen. Die Stationskapelle wurde im Neuen Reich abgerissen und ihre Steine als Spolien (als Baumaterial wiederverwendete Bauelemente) in einem Pylon als Füllmaterial verbaut. Archäologen haben die Bausteine wieder zusammengesetzt und die Kapelle in einem Freilichtmuseum rekonstruiert.

Die weiße Kapelle ist der Anfang der rund zweitausendjährigen Baugeschichte von Karnak, die vom frühen Mittleren Reich bis in die griechisch-römische Zeit dauere. Mit einigen Unterbrechungen bauten Generationen von Pharaonen an den Anlagen von Karnak. Es wurden zum Teil alte Gebäudeteile abgerissen und als Baumaterial für neue Umbauten genutzt. Meistens wurde der vorhandene Komplex um neue An- und Ausbauten erweitert. Und so entstanden im Laufe der Jahrhunderte immer neue Kultkapellen, Tore (Pylone), Obelisken, Statuen, Säulenhallen, Höfe, Prozessionswege mit Sphinxalleen und Verwaltungsgebäude mit Lagerräumen und Magazinen. Im Neuen Reich war der Tempel schließlich zu einer heiligen Tempelstadt herangewachsen, die von großen Lehmziegelmauern umgeben war. Die Größe ist beeindruckend. Allein der ummauerte Kultkomplex des Gottes Amun hat mit all seinen Anlagen eine Grundfläche von 123 ha, bzw. eine Fläche von 530 x 510 x 510 x 700 m. Auch hinsichtlich der einzelnen Anlagen sprengt der Tempel alle Rekorde. Das große Hypostyl aus der 19. Dynastie ist die größte Säulenhalle der Welt. Und der 100 m breite Eingangspylon aus der 30. Dynastie ist der größte Pylon, der jemals in Ägypten errichtet wurde.

Eingangspylon aus der 30. Dynastie ist der größte Pylon, der jemals in Ägypten errichtet wurde.

Die meisten Kultbauten wurden mit Hieroglypheninschriften überzogen und künden von ihren jeweiligen Erbauern. Große Pharaonen waren darunter: Hatschepsut, Thutmosis III., Haremhab, Sethos I., Ramses II., Ramses III. und Taharka, um nur einige zu nennen. So liest sich die Entstehung und Entwicklung des Tempels wie ein „who-is-who“ der gesamtägyptischen Geschichte. Erst mit Einführung des Christentums wurden zunächst die Bauerweiterungen und dann die Kultausübungen eingestellt. So endete die Geschichte von Karnak in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr.

Die Tempelstadt von Karnak lässt ich in drei große Bezirke einteilen, die ihrerseits jeweils von einer eigenen Schutzmauer aus Lehmziegeln umgeben waren: Dem Bezirk der Mut im Süden, den Bezirk des Month im Norden, und im Zentrum der gewaltige Bezirk des Amun, der die Tempel des Chons, der Opet und des Ptah mit einschließt. Der Amun-Bezirk war durch eine Sphinxallee mit dem Mut-Tempel verbunden. Eine weitere Sphinxallee führte über mehr als zwei Kilometer zum Tempel von Luxor.

Der Amuntempel hat zwei große Kultachsen: Nord-Süd und Ost-West. Die Nord-Südachse weist in Richtung Mut-Tempel und Luxor. Die Ost-West-Achse zeigt nach Theben-West auf der anderen Seite des Nils, wo es weitere Heiligtümer und Tempel gibt, die der Gott Amun bei großen Prozessionsfesten besuchte.

Der arabische Name al-Karnak bedeutet soviel wie „befestigte Siedlung“. Tatsächlich wirkten ab dem späten Neuen Reich viele Tempel wie Götterfestungen: von Mauern umgeben und von der Außenwelt abgeschirmt.

Wegen der Größe des Tempelkomplexes werden die verschiedenen Anlagen in einzelnen Unter-Kapiteln beschrieben.

Auswahl weiterführender Literatur:

Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, Zürich und München 1994.
Arnold, Dieter, Die Tempel Ägyptens. Götterwohnungen, Baudenkmäler, Kultstätten, Zürich 1992.
Badawi, Alexander: A History of Egyptian Architecture, Los Angeles 1968.
Borchardt, Ludwig, Zur Baugeschichte des Amonstempels von Karnak, Hildesheim 1964.
Blyth, Elisabeth, Karnak: Evolution of a Temple, London 2006.
Donadoni, Sergio: Theben, Heilige Stadt der Pharaonen, München 2000.
El-Sharkawy, Ali, Der Amun-Tempel von Karnak. Die Funktion der Großen Säulenhalle, Berlin 1997.
Beatrix Gessler-Löhr, Beatrix, Die heiligen Seen ägyptischer Tempel, Hildesheim 1983
Glovin, Jean-Cl. Golvin und Jean-Cl. Goyon, Karnak, Ägypten, Anatomie eines Tempels, Tübingen 1987.
Habachi, Labib, Die unsterblichen Obelisken Ägyptens, Mainz 200.
Otto, Eberhard, Osiris und Amun. Kult und heilige Stätten, München 1966.
Siliotti, Alberto, Luxor, Karnak and the Theban Temples, Kairo und New York 2002.
Wilkinson, Richard H, Die Welt der Tempel im alten Ägypten, Stuttgart 2005.

Autor dieses Artikels: M.Hüneburg