Giza (Teil 2) – Die Cheopspyramide (Altes Reich, 4. Dynastie, um 2560 v. Chr.)
Sie ist das erste und einzige noch stehende Weltwunder und das meistbestaunte Bauwerk der Geschichte: die Cheopspyramide in Giza. Lange war sie das höchste Bauwerk der Welt. Es dauerte viereinhalb Jahrtausende, bis einige moderne Türme und Wolkenkratzer ihren Triumph brachen. 146,5 Meter ragte sie einst über das Plateau (bei einer Basis- bzw. Seitenlänge von ursprünglich 230,38 Metern und einem Neigungswinkel von fast 52 Grad). Wind, Wetter und Steinräuber haben sie ihrer Spitze beraubt, weshalb sie heute nur noch 138,75 Meter hoch ist. Auch ihre wertvolle Kalksteinverkleidung ist nicht mehr vorhanden. Schon in der Antike und insbesondere im Mittelalter haben die Bewohner der Region sie als Steinbruch missbraucht. Ursprünglich war sie vollständig mit hellem Turra-Kalkstein verkleidet und leuchte strahlend weiß im Sonnenlicht.
Für das Kernmauerwerk wurden mehr als zweieinhalb Millionen Kubikmeter lokalen Kalksteins aus den Giza-Steinbrüchen verbaut. Die Mehrzahl der Steinblöcke wiegt rund 2 bis 3 Tonnen. 210 Steinlagen mussten übereinander geschichtet werden, um bis an die Spitze zu gelangen, wobei im nicht sichtbaren Kern wohl auch Schotter mit verbaut wurde und Lücken mit Sand aufgefüllt wurden. Über die Bauweise ist viel spekuliert wurden. Die meisten Ägyptologen und Archäologen gehen mittlerweile davon aus, dass die alten Ägypter eine Variation von unterschiedlichen Rampen aus Lehmziegeln und Steinschotter verwendeten, auf denen die einzelnen Steinblöcke per Schlitten von Arbeiterkolonnen auf die Baufläche gezogen wurden. Experimentalarchäologische Versuche haben ergeben, dass bei ausreichender Schmierung der Rampenoberfläche durchaus kleinere Zug-Mannschaften ausreichten als man es sich gemeinhin vorstellt. Insgesamt war es die Gemeinschaftsarbeit von zehntausenden Helfern und tausenden spezialisierten Handwerkern und die erprobte Planung und minutiöse Organisation sowie der ausreichende Arbeitszeitraum von mehreren Jahren bis Jahrzehnten, die es ermöglichte, mit einfachsten technischen Mitteln solche Bauwunder zu schaffen.
Das Gangsystem der Cheopspyramide ist das komplexeste und interessanteste der Giza-Pyramiden. Es gibt zwei Eingänge: einen ursprünglichen und einen Grabräubergang, der heute von den Touristen benutzt wird. Angeblich wurde dieser Stollen von dem Kalifen al-Mamun im 9.Jahrhundert angelegt. Doch vermutlich folgte der Kalif nur den Vorarbeiten älterer Grabräuber, die schon in der Antike zu den Kammern vorzudringen gedachten. Der Grabräubergang stößt nach etwa 30 Metern auf das originale Gangsystem. Hier teilt sich der Gang in einen aufsteigenden und einen absteigenden Gang. Der absteigende Gang führt tief in den anstehenden Fels unterhalb der Pyramide und endet dort in einer, etwa 30 Meter unter der Pyramide liegenden, unvollendeten Felskammer. Der aufsteigende Gang führt nach 38 Metern zur großen Galerie. Von dort zweigt auch ein waagerechter Gang ab, der zu einer kleinen Grabkammer (Länge: 5,76 m, Höhe: 6,26 m, Breite: 5,23 m) führt. Diese Kammer wird in der älteren Fachliteratur häufig als Königinnenkammer bezeichnet. Vermutlich war sie ursprünglich als Königsgrabkammer gedacht bevor die Baupläne geändert wurden und eine weitere Kammer gebaut wurde. Diese eigentliche Königskammer (Länge: 10,49 m, Höhe: 5,84 m, Breite: 5,42 m) erreicht man über die große Galerie. Hier steht noch das Unterteil bzw. die Sargwanne des steinernen Sarkophages. Die Decke der komplett aus härtestem Rosengranit gefertigten Königskammer ist mehrfach abgesichert, um das Gewicht der darüber liegenden Steinlast zu tragen. Fünf übereinander liegende gewaltige Decken aus Granitplatten zu je 40 Tonnen mit dazwischen liegenden Hohlräumen als Entlastungskammern und abschließend ein Satteldach aus besonders großen Granitmonolithen zu je 70 Tonnen schützen vor dem Einsturz. An der Nord- und Südwand der Sargkammer sind kleine Öffnungen zu erkennen, bei denen es sich vielleicht um Belüftungsschächte für die Arbeiter handelt, die in den Kammern noch polierend zugange waren, während oben die Decken schon für den weiteren Bauvorgang geschlossen waren. Es ist aber auch vorgeschlagen worden, in ihnen symbolische Schächte für die Seele bzw. den verklärten Geist des Pharao zu sehen, damit dieser zu den Zirkumpolarsternen aufsteigen konnte.
Die bereits erwähnte große Galerie, die zur Sargkammer führt, ist ein Unikum und in den anderen Pyramiden so nicht zu finden. Sie ist 8,48 Meter hoch und 47 Meter lang. Die hohen Seitenwände verjüngen die Halle nach oben und bilden eine Art Kraggewölbe. Sieben Steinlagen sind die Wände hoch, von denen jede Steinlage sechs Zentimeter über die darunter liegende hinausragt. Die Steine sind so dicht aneinandergefügt, dass die Fugen nicht einmal Platz für eine Rasierklinge lassen.
Der Totentempel am Fuß der Pyramide ist kaum noch erhalten. Lediglich die Grundflächen und Mauerstümpfe stehen noch. Kern des Tempels war ein offener Säulenhof mit einem Umgang aus rechteckigen Pfeilern. Zur Pyramide hin gab es eine Kultkammer und zwei Seitenkammern. Vom Totentempel führte ein Aufweg zum Taltempel, der lange als verschollen galt, bis kürzlich ägyptische Archäologen Steinfundamente gefunden haben, die seine Existenz belegen. Außerdem wurde von Zahi Hawass noch eine kleine Kultpyramide des Cheops gefunden.
Von allen Pyramiden Ägyptens hat die Cheopspyramide am meisten Anlass zur abenteuerlichen Theorien und Spekulationen geboten. Eine wahre Pseudowissenschaft, die Pyramidologie, beschäftigt sich mit den astronomischen und mathematischen „Erkenntnissen“, die mit dem Bau zum Ausdruck gebracht worden seien. In der esoterischen Literatur werden der Pyramide sogar magische Kräfte nachgesagt. Zwar bestreiten die Archäologen und Ägyptologen nicht, dass die Pyramiden sich an den Himmelsrichtungen und Sternpositionen orientieren. Aber die meisten Spekulationen der Pyramidologie werden abgelehnt. Die Erklärung für die astronomische Ausrichtung der Pyramiden wird eindeutig in den Pyramidentexten geliefert, die an den Wänden der Pyramiden der 5. und 6. Dynastie aufgezeichnet sind. Demnach war die Pyramide nicht nur das Grab des Pharao, sondern auch die Verbindung des Königs zu den Zirkumpolarsternen am nächtlichen Himmelsfirmament. Die stufenförmige Pyramide des Djoser und die strahlenförmigen Pyramiden der vierten Dynastie waren gleichsam Treppen oder Rampen in den Himmel. Der verklärte Geist Pharaos konnte so zu den Sternen aufsteigen und von dort wieder zu seinem Leichnam zurückkehren. Außerdem sind die himmelwärts gerichteten Pyramiden Ausdruck des in seiner religiösen Bedeutung gewachsenen Sonnenkultes, in welcher der verklärte Geist Pharaos am Sonnenlauf des Re teilnimmt.
Das Bootsmuseum mit dem Sonnenschiff des Cheops
Im Mai 1954 fanden zwei ägyptische Archäologen des ägyptischen Antikendienstes bei Aufräum- und Säuberungsarbeiten an der Südflanke der Cheopspyramide zwei riesige steinerne Bootsgruben von jeweils mehr als 30 Metern Länge. Eine davon wurde geöffnet, die andere ist bis heute verschlossen, wurde allerdings 1987 mit einer speziellen Minikamera, die durch ein kleines Loch ins Innere der Bootsgrube eingeführt wurde, fotografiert. Die östliche Grube, die geöffnet wurde, beinhaltete 1224 sehr gut konservierte Einzelteile des zerlegten Bootes. Ägyptische Restauratoren unter der Leitung des Spezialisten Ahmed Youssef haben mehr als 10 Jahre sorgfältig die Einzelteile analysiert und das Schiff nach den altägyptischen Konstruktionsmarken, die an den Einzelteilen angebracht waren, wieder zusammengefügt Die Bootsplanken und Teile wurden nicht mit Nägeln oder Metalldübeln zusammengesetzt, sondern nach alter Bauweise mit Stricken zusammengebunden. Heraus kam ein 43 Meter langes und 5,6 Meter breites, elegantes Barkenschiff aus feinstem, libanesischen Zedernholz mit großer Schiffskajüte, einem Kajütenzelt für den Kapitän und langen Holzrudern. Nach 4500 Jahren sieht es nun beinahe wie neu aus und ist somit das älteste, komplett erhaltene, Holzschiff der Welt. Um es vor Wind und Wetter zu schützen und den Besuchern die Besichtigung des Schiffes zu ermöglichen, hat man eigens für das Schiff ein Museum gebaut. Vor der Ostseite der Pyramiden liegen ebenfalls drei große Schiffsgruben. Sie sind aber schon seit langer Zeit aufgedeckt und ausgeraubt.
Was war die Funktion dieses herrlichen Prachtschiffes? Barken, Schiffe und Boote waren nicht nur die wichtigsten Fortbewegungsmittel im alten Ägypten, wo der Nil mit seinen Kanälen die Hauptverkehrsader war. Sie hatten auch eine religiöse und kultische Funktion. Die Götterstandbilder wurden während ihrer Festprozessionen auf Prunkbarken von Heiligtum zu Heiligtum gefahren oder auf Barkensänften umher getragen. Nach altägyptischem Glauben fuhr der Sonnengott mit einem Boot täglich über den blauen Himmel. Durch die Kultbarke war es dem verstorbenen Pharao möglich, auch im Jenseits mobil zu sein und dem Sonnengott auf seiner Himmelsreise zu folgen.
Auswahl weiterführender Literatur:
- Aldred, Cyril, Egypt to the end of the Old Kingdom, London 1965.
- Jánosi, Peter, Die Pyramidenanlagen der Königinnen, Wien 1995.
- Jánosi, Peter, Die Gräberwelt der Pyramidenzeit, Mainz 2006.
- Junker, Hermann, Giza. 12 Bde, Wien 1929-1955
- Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
- Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Ägyptische Pyramiden – Monumente für die Ewigkeit, Köln 2004.
- Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
- Steindorff, Georg und Uvo Hölscher, Die Mastabas westlich der Cheopspyramide (hrsg. v. Alfred
- Grimm, Münchner Ägyptologische Untersuchungen 2), Frankfurt am Main 1991.
- Reisner, George Andrew, A History of the Giza Necropolis, Vol. I – II, Cambridge/ Mass. 1942-1955.

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg


