Giza (Teil 1) – Das Pyramidenplateau mit der Nekropole von Giza
„Denkt daran, dass von diesen Monumenten vierzig Jahrhunderte auf euch herabblicken!“, ermahnte Napoleon Bonaparte seine Soldaten kurz vor der berühmten Schlacht bei den Pyramiden im Jahre 1798. Das französische Heer war in Ägypten gelandet, um den Gegner Großbritannien in seinen kolonialen Bestrebungen empfindlich zu treffen, indem man ihm in Ägypten zuvorkommt. Vor den Pyramiden kam es zum militärischen Showdown zwischen den ägyptisch-türkischen Truppen, bestehend aus 34.000 Janitscharen, Mamelucken sowie spärlich bewaffneten Fellachen und dem modernen, französischen Heer von 20.000 Soldaten. Das Mameluckenheer wurde aufgerieben, und Napoleons weiterer Weg durch Ägypten war frei. Mit ihm waren 150 Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen. Ihre Aufgabe war es, alles Wissenswerte über das Land zusammenzutragen und aufzuzeichnen. Ergebnis dieser Bemühungen war die berühmte „Description de l’Égypte“, mit der umfangreiches Bild- und Informationsmaterial den Gelehrten zunächst in Frankreich und dann in ganz Europa zur Verfügung stand. Und zusammen mit dem Fund des berühmten Rosetta-Steins, der Jean-François Champollion zur Entzifferung der Hieroglyphenschrift verhalf, war dies zugleich die Geburtsstunde der Ägyptologie als Wissenschaft.
Tatsächlich sind es mindestens fünfundvierzig Jahrhunderte, die auf die vielen Besucher herabblicken, die tagtäglich die berühmteste, archäologische Stätte der Welt besichtigen. Das Pyramidenfeld von Giza (auch: Gisa, Giseh, Gizeh) ist steinernes Symbol eines in seinen Ausmaßen vermutlich weltweit einmaligen Gottherrscherkultes und prominentestes Denkmal der pharaonischen Kultur. Geschaffen auf dem Höhepunkt des Alten Reiches (ca. 2670 bis 2150 v. Chr.) legen die Pyramiden Zeugnis ab von der Phase eines bemerkenswert zentralistischen Staatsgebildes, in welchem die komplette Gesellschaft um den Pharao kreiste und von dessen religiös-politischer Gravitationskraft zusammengehalten wurde. Nie wieder erreichte die ägyptische Kultur und Gesellschaft einen derart hohen Grad der Zentralisierung wie im Zeitalter des großen Pyramidenbaus.
Die Pyramiden von Giza liegen heute am Westrand der Metropolregion von Kairo. Zwar ist Giza offiziell eine eigenständige Stadt mit mehr als drei Millionen Einwohnern, aber praktisch ist sie Teil des Großraums von Kairo und mit der Hauptstadt zu einem gigantischen Häuser- und Straßenmeer verschmolzen. Die Häuser reichen fast unmittelbar bis ans Wüstenplateau der Pyramiden heran. Das Stadtzentrum von Kairo ist etwa 13 Kilometer entfernt. Noch im 19. Jahrhundert war es für die Touristen ein ganzer Tagesausflug, um von Kairo zu den Giza-Pyramiden zu gelangen. Heute, im Zeitalter der Motorisierung, ist es eine Frage der Verkehrsstaus, ob man für dieselbe Strecke weniger als eine Stunde oder mehrere Stunden braucht. Der Massentourismus hat längst Einzug gehalten, und die Besucher werden in wahren Buskolonnen zu den Sehenswürdigkeiten gefahren. Selbst am Aussichtspunkt in der Wüste, von dem man aus herrlicher Perspektive die Pyramiden fotografieren kann, herrscht Volksfeststimmung mit Horden von Souvenirhändlern, die sich an die Busse drängen. Ein Zaun trennt das archäologische Gelände vom Umland, und man muss am Tickethaus Eintrittskarten kaufen. Dann kann die Besichtigung beginnen. Das Pyramidenfeld von Giza besteht aus den drei großen Pyramiden mitsamt ihren Totentempelanlagen und Nebenpyramiden sowie zahlreichen, kleinen Beamtengräbern, die wegen ihrer Form von den Ägyptern Mastabas (arab.: „Sitzbank“) genannt werden. Weitere Highlights sind die berühmte Sphinx (die man, obwohl ein männlicher Pharao dargestellt ist, auch weiterhin mit weiblichem Artikel benennen darf, weil das griechische Wort „Sphinx“ feminin ist)
Die drei großen Pyramiden wurden innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne gebaut. Ihre Erbauer, die Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos, gehören ein und derselben, nämlich der vierten Dynastie an (etwa 2614 bis 2479 v. Chr.). Neben den Pyramiden und ihren kleinen Nebenpyramiden für die Königinnen liegen noch ausgedehnte Gräberfelder mit Mastabas der Beamten und königlichen Familienmitglieder aus der vierten bis sechsten Dynastie bei den Pyramiden. Sogar aus viel späterer Zeit wurden vereinzelte Gräber gefunden. Zu den Pyramidenanlagen selbst gehören noch die Totentempel und Taltempel sowie die weltberühmte Sphinx. Weiterhin gibt es ein Bootsmuseum mit einem aus Originalteilen zusammengesetzten Schiff des Cheops. Es handelt sich um das älteste noch vollständig erhaltene Holzschiff der Welt. (Wobei auf dem frühdynastischen Friedhof von Abydos noch ältere gefunden wurden, deren Rekonstruktion man aber noch abwarten muss).
Giza war das Ziel unzähliger archäologischer Expeditionen, Exkursionen, Surveys und Ausgrabungen. Obwohl die Stätte sowohl wissenschaftlich als auch touristisch zu den am stärksten frequentierten, archäologischen Ausgrabungsorten der Welt gehört, gibt es auch heute noch immer wieder neue Entdeckungen. Die faszinierendsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts in Giza waren der Fund eines goldreichen Grabschatzes der Königin Hetepheres durch das Team einer Expedition der Harvard-University unter der Leitung von George Andrew Reisner sowie die Entdeckung der Holzschiffe des Cheops durch Mitarbeiter der ägyptischen Antikenverwaltung. Untersuchungen der Ägyptologen Uvo Hölscher und Hermann Junker haben geholfen, das ursprüngliche Aussehen der Nekropole von Giza zu rekonstruieren. Der ägyptische Archäologe Zahi Hawass entdeckte vor einigen Jahren eine kleine Kultpyramide inklusive Pyramidion (Pyramidenspitze), die zum Grabkomplex des Cheops gehörte. Außerdem wurden die Arbeitersiedlungen und die Pyramidenstadt erforscht. Verschiedene Untersuchungen der Ägyptologen Mark Lehner und Zahis Hawass gaben Aufschluss über die gesellschaftlichen Hintergründe und über die Lebensbedingungen der Arbeiter, die diese Riesenwerke schufen.
In den letzten Jahrtausenden gab es kaum Ägyptenreisende, die nicht an den Pyramiden Halt machten. Und über eine mindestens ebenso lange Zeitspanne waren die Pyramiden und Grabbauten von Giza das Ziel von Grabräubern und Plünderern, die in ihrer Gier nach Schätzen mit aller Gewalt Stollen und Schächte in die Bauten schlugen, um an geheime Kammern zu gelangen. Außerdem war während des ganzen islamischen Mittelalters das Pyramidengebiet als Steinbruch missbraucht worden. Unter Sultan Saladin (12. Jahrhundert) wurden einige kleine Pyramiden zum Teil abgetragen, um mit dem Steinmaterial Dämme und Deichanlagen zu bauen. Und unter Sultan Hassan (14. Jahrhundert) wurde die Hassan-Moschee aus Steinblöcken der Cheopspyramiden-Fassade erbaut. Viele weitere Moscheen und Prachtbauten Kairos wurden mit den Kalksteinblöcken der äußeren Pyramidenverkleidungen errichtet. Die Pyramide von Abu Roasch wurde sogar gänzlich abgetragen. Zur Zeit der Pharaonen sahen die Pyramiden noch ganz anders aus. Die Außenflächen waren mit weißen Kalksteinplatten aus speziellen Steinbrüchen von der anderen Seite des Niltals (sogenannter Turra-Kalkstein) verkleidet und glatt poliert. So leuchteten die Pyramiden im Sonnenschein strahlend weiß.
Der Besucher mag geneigt sein, die Pyramiden besteigen zu wollen, um die einmalige Aussicht zu genießen. Er sei aber darauf hingewiesen, dass dies strengstens verboten ist und die bewaffneten Wächter auf dem Plateau sehr aufpassen.
Zur Bedeutung des Pyramidenbaus für den Verlauf der ägyptischen Geschichte wird im Artikel "Geschichte Altes Reich" in diesem Online-Reiseführer eingegan.
Auswahl weiterführender Literatur:
- Aldred, Cyril, Egypt to the end of the Old Kingdom, London 1965.
- Edwards, I.E.S., The Pyramids of Egypt, London 1972.
- Fakhry, Ahmed, The Pyramids, Chicago und London 1969.
- Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
- Schüssler, Karl-Heinz, Die ägyptischen Pyramiden: Erforschung, Baugeschichte und Bedeutung, Köln 1987.
- Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Ägyptische Pyramiden – Monumente für die Ewigkeit, Köln 2004.
- Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
- Reisner, George Andrew, A History of the Giza Necropolis, Vol. I – II, Cambridge/ Mass. 1942-1955.
- Verner, Miroslav, Die Pyramiden, Reinbek 1999.

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg


