Tempelanlagen von Karnak (Luxor) Teil 2 Freilichtmuseum

Gauliste an der Weißen Kapelle
Ausschnit aus der Gauliste an der Weißen Kapelle

Wer chronologisch vorgehen möchte, kann seine Besichtigung mit dem Freilichtmuseum beginnen. Hier stehen die älteren Vorgängerbauten, die schon zu Zeiten der Pharaonen abgerissen wurden, um Neubauten Platz zu machen, und deren Steine und Blöcke man als Füllmaterial für die neuen Bauten wiederverwendete. Die Weiterverwendung von Spolien, d.h. von Steinen abgerissener Gebäude, hatte Tradition und war in den Augen der alten Ägypter nichts Verwerfliches. Im Gegenteil, so waren die Teile der älteren Gebäude doch weiterhin Bestandteil im sakralen Kontext des Tempels. Insbesondere die Kultkapellen, Stationsheiligtümer und Barkenkioske mussten größeren Neu- und Umbauten und neuen Raumkonzeptionen weichen. Solche kleinen Heiligtümer dienten als Zwischenstationen für die Prozessionen der Götterbarken während der großen heiligen Feste. Die Götterbarken, die auf Sänften von den Priestern getragen wurden und auf welchen die Götterstatuen standen, pausierten für bestimmte Kulthandlungen in solchen Stationskapellen, bevor sie ihre Prozession fortsetzten.

Bei den Bauuntersuchungen im Inneren der Ruinen der großen Pylonen hat man allerlei Reste und Spolien dieser alten und kleinen Heiligtümer und Kapellen gefunden. Archäologen haben diese Steinblöcke wieder zusammengefügt und Teile der alten Bauwerke rekonstruieren können. Sie erlauben einen erhellenden Einblick in die Baugeschichte der Anlagen von Karnak, denn für den archäologisch nicht ausgebildeten Besucher ist es oftmals schwer zu erkennen, wie sich die Tempelstadt von Karnak im Laufe der Zeit entwickelte und wie sie zu den unterschiedlichen Epochen ausgesehen haben mag.

Man erreicht das Freilichtmuseum über das nördliche Tor des ersten Hofes (zwischen dem ersten und zweiten Pylon). Das Museum kostet zwar einen kleinen Betrag an Extra-Eintritt, aber das lohnt sich, zumal man sich hier auch etwas abseits der großen Touristenströme bewegt, die meist nur die Hauptachse von Karnak auf und ab gehen.

Die „Weiße Kapelle“ Sesostris I. (12. Dynastie)

Der Gott Month
Darstellung des Gottes Moth an der Weißen Kapelle

Große Bewunderung erntet die sogenannte Weiße Kapelle (Chapelle blanche) des Königs Sesostris I.  (gegen 1925 v. Chr., Mittleres Reich) wegen ihrer klaren Formen, ihrer Symmetrie und überaus sorgfältigen Bearbeitung. Die sanft erhabenen Reliefs an den Wänden und Pfeilern dieser weißen Kalksteinkapelle sind von einer nahezu unerreichten Qualität. Die hohe Handwerkskunst und vollendete Komposition des Baus lässt darauf schließen, dass die Handwerker und Baumeister ältere Vorbilder vor Augen hatten und auf ähnliche Bauprojekte als Erfahrungsschatz zurückblicken konnten.

Die einzelnen Blöcke dieser Kapelle wurden bei französischen Ausgrabungsarbeiten unter Henri Chevrier in den Jahren 1927-38 geborgen, als die Fundamente des dritten Pylons untersucht wurden. Dort waren sie als Füllmaterial verbaut worden. Vermutlich ließ sich die Kapelle nicht in die Erweitungspläne des Amun-Tempels integrieren und wurde deshalb unter dem König Amenophis III. abgerissen.

Die Rekonstruktion dieses Bauwerks ergab einen Kiosk mit den quadratischen Grundrissmaßen von 6,54 x 6,54 Meter und 16 Pfeilern. Von zwei gegenüber liegenden Seiten führen kleine Rampen auf das Sockelniveau von 1,18 Meter. Auf den allseitig dekorierten Pfeilern ruht das mit einer Hohlkehle umfasste Flachdach. Im Zentrum des Innern rekonstruierte man einen Steinquader als Barkensockel zum Abstellen der Barkensänfte, in der Annahme, dass es sich bei der weißen Kapelle um ein Stationsheiligtum handelt.

Anlass der Erbauung war das Hebsed, das heilige Jubiläums- und Erneuerungsfest der Königsherrschaft. Auch während der großen Feste des Amun, dem „Schönen Fest vom Wüstental“ und dem „Opet-Fest“, hat dieses Sanktuar als Stationsheiligtum Verwendung gefunden. Bei diesen Festen trugen die Priester das Abbild der Gottheit auf einer Barkensänfte durch die Anlagen des Tempels und schließlich aus dem Tempel heraus, um auf einem langen und feierlichen Prozessionsmarsch die Götter in den anderen Tempeln zu besuchen. Die Kapellen oder Barkensanktuare wie die weiße Kapelle von Sesostris I. dienten hierbei als Stationsheiligtümer. Die Prozession hielt für eine Kultpause an solchen Kapellen, und man stellte die Götterbarke auf ein Podest im Innern. Priester vollzogen Festrituale vor der Barke, dann ging es mit dem Prozessionsmarsch weiter.

Geweiht ist die Kapelle dem Gott Amun-Re. Tatsächlich zeigen die meisten der Reliefbilder den König Sesostris I. vor diesem Gott, der in seinen verschieden Erscheinungen und Aspekten und manchmal in Begeleitung anderer Götter wie z.B. Month abgebildet ist. Ägyptologisch von besonderem Interesse sind auch die an den Außenwänden des Sockels und der Balustrade angebrachten Hieroglypheninschriften und Listen, die von der Festbesteuerung der 42 ägyptischen Gaue bzw. Provinzen berichten. Hier erfährt man einen Einblick in die kultische, administrative und fiskalische Organisation des Landes zur Zeit des Mittleren Reiches.

Wo die Kapelle ursprünglich gestanden hatte, weiß man nicht. Es ist gut möglich, dass sie irgendwo zwischen dem vierten und siebten Pylon errichtet worden war.

Alabasterschrein von König Amenophis I. (18. Dynastie)

König Sesostris
König Sestris vor dem Gott Amun

Während der 18. Dynastie ließen die Pharaonen die Anlagen des Mittleren Reiches erweitern und fügten neue Gebäudeelemente hinzu. Amenophis I. beispielsweise, einer der frühesten Herrscher der 18. Dynastie, ließ zunächst die Gebäude des Mittleren Reiches wieder erneuern und errichtete anschließend mehrere Kapellen und ein Eingangstor. Das meiste dieser baulichen Erneuerungen kann nicht mehr rekonstruiert werden, weil zu wenige Original-Blöcke erhalten sind. Eine Ausnahme ist der berühmte Alabasterschrein, bei dem es sich um ein kleines Barkensanktuarium handelt.

Unter Amenophis I. begonnen (d.h. etwa um 1500 v. Chr.) und unter Thutmosis I. vollendet wurde die sorgfältig gearbeitete Kapelle, die aus Kalzit-Alabaster gefertigt ist, der in den Steinbrüchen bei dem mittelägyptischen Hatnub gebrochen wurde. Der Kapellenschrein ist viereinhalb Meter hoch, mehr als sechseinhalb Meter lang und über dreieinhalb Meter breit. An den Innenwänden sind Reliefs mit Opferhandlungen zu sehen. Eine interessante Reliefszene an der Außenwand zeigt Amenophis I. beim Kultlauf während des Erneuerungsfestes. Sehr individuell sind die Gesichtszüge des Königs dargestellt: mit kleinen Augen, Ohren und spitzem Kinn sowie einer großen Hakennase. Die Stiftungstexte an den Seiten der Eingänge erwähnen die ursprünglich prächtige Ausstattung des Schreins mit (heute nicht mehr erhaltenen) Türflügeln aus Ebenholz, die mit Edelmetallbändern aus Gold und Kupfer beschlagen waren. Auch der Baumeister dieses Kleinods ist belegt: Er hieß Ineni.

Bereits unter Amenophis III. wurde das Alabaster-Sanktuarium abgerissen und im dritten Pylon als Füllmaterial verbaut. Bei Untersuchungen dieses Pylons wurde die einzelnen Blöcke identifiziert und das Puzzle wieder zu einer Rekonstruktion zusammengesetzt.

Die „Rote Kapelle“ der Königin Hatschepsut (18. Dynastie)

Weiße Kapelle in Karnak
Weiße Kapelle in Karnak

Ihren Namen „Chapelle rouge“ erhielt dieses schöne und extravagante Bauwerk nach dem rötlichen Quarzit, aus dem die Kapelle gefertigt wurde. In farblichem Kontrast dazu waren auch Quader aus schwarzem Granit verbaut. Die Königin Hatschepsut (18. Dynastie, um 1460 v. Chr.) ließ im Rahmen großer Erweiterungs- und Ausbaumaßnahmen am Amun-Tempel die Kapelle als Stationsheiligtum für die Barkenprozessionen errichten. Zwar weiß man nicht genau, wo das Bauwerk ursprünglich gestanden hatte, es ist aber plausibel anzunehmen, dass der ursprüngliche Standort irgendwo zwischen dem dritten und siebten Pylon lag. Trotz ihrer außergewöhnlichen Farbgebung und Ästhetik hielt das Sanktuar nicht lange. Wahrscheinlich wurde es schon unter Thutmosis III. abgerissen und spätestens unter Amenophis III. im dritten Pylon verbaut.

Leider sind nicht alle Blöcke wiedergefunden worden. Deshalb ist die Rekonstruktion nicht vollständig aus originalen Teilen errichtet, sondern zum Teil ergänzt worden. Rund 15 Meter misst die große Kapelle in der Länge.

Das Stationsheiligtum stand ursprünglich vor dem Zentralheiligtum des Amun und in Verbindung mit der Errichtung zweier monumentaler Pylone. Ein Reliefbild zeigt die Königin vor den zwei aufgerichteten Pylonen. Die anderen Reliefszenen der Kapelle handeln von den Tempelstiftungen, von Opfergaben der Königin vor Amun, vom göttlichen Orakel und der Krönung der Hatschepsut, die sich somit ihre Herrschaftslegitimation aus der gegebenen Kultgarantie für Amun-Re ableitete. Auch Thutmosis III. ist dargstellt. Deutlich zu erkennen sind außerdem die Darstellungen zu den beiden großen Prozessionsfesten, dem „Opet-Fest“ und dem „Schönen Fest vom Wüstental“ mit den Fahrten nach Luxor und Deir el-Bahari.

Die rekonstruierte Tempelwand von Thutmosis IV. (18. Dynastie)

Eine nur kurze Lebenszeit hatten die Bauten von Thutmosis IV. Er ließ vor dem vierten Pylon einen Hof anlegen. Doch schon sein Nachfolger Amenophis III. hatte andere Pläne und ließ die Anlage wieder abreißen und die Steine anderweitig verbauen. In jüngster Zeit haben die Archäologen versucht, dass Puzzle wieder zusammenzufügen und die Wände aus der Zeit Thutmosis IV. anhand der erhaltenen Blöcke wieder zu rekonstruieren. Das zum Teil in seinen Farben noch erhaltene Reliefwerk zeigt die üblichen Kulthandlungen des Königs vor den Göttern, aber auch eine ausgefallene Szene mit dem Aufzug der gemästeten Opferrinder.

Autor dieses Artikels: M.Hüneburg