Pharao Ramses II.

Zu den bedeutendsten Pharaonen des Alten Ägypten gehörte Ramses II. (Neues Reich, 19. Dynastie, 13. Jahrhundert v. Chr.). In der Geschichtsschreibung spricht man auch von „Ramses den Großen“. Zu einer herausragenden Persönlichkeit der ägyptischen Geschichte wurde er hauptsächlich aus drei Gründen. Erstens verdankte er es einer besonders langen Regierungszeit (67 Jahre: 1279 bis 1213 v. Chr.), dass er nachhaltig den Weg seines Landes bestimmen konnte. Zweitens hat er der Nachwelt äußerst viele Monumente und Bauten hinterlassen, mit denen sein Name auf immer verbunden sein wird. Und drittens stammt aus seiner Regierungszeit der erste historisch überlieferte Friedensvertrag zwischen zwei souveränen Staaten.

Ramses II. war Nachfolger seines Vaters Sethos I., dessen Amt er schon in jungen Jahren übernahm. Es ist nicht genau überliefert, wie alt Ramses bei der Thronbesteigung exakt war. Aber angesichts der langen Regierungszeit muss er noch ein Jugendlicher gewesen sein. Entsprechend der damaligen Tradition des Neuen Reiches und seines Hintergrundes – seine Familie stammte ursprünglich aus Militärkreisen – begann er bald nach der Thronbesteigung mit militärischen Expeditionen und Feldzügen ins Ausland, nach Nubien, Palästina, Phönizien und Syrien, um die ägyptischen Interessen in den Nachbarländern zu wahren.

Von allen Feldzügen und Kriegsauszügen seiner langen Regierungszeit ist besonders einer als denkwürdiges Ereignis der Geschichte überliefert: jener, der in der berühmten Schlacht bei Kadesch (Qadesch) gipfelte. Zur Zeit Ramses’ des Großen gab es nämlich noch ein anderes Reich im Nahen Osten, das Ägypten die Vorherrschaft in der Region streitig machte. Es handelt sich um das Großreich der Hethiter. Das Herz dieses Reiches lag in Anatolien. Doch schon bald erweiterten die Hethiter ihr Territorium. Ihre Heere waren im ganzen Nahen Osten gefürchtet. Konfliktzone zwischen Hethitern und Ägyptern war Syrien. Hier trafen die geopolitischen Interessen beider Großmächte aufeinander. Ort des Schlachtgeschehens war die Umgebung von Kadesch (Qadesch). Kadesch war eine syrische Stadt am Fluss Orontes. Dort trafen im vierten Regierungsjahr Ramses’ des Großen die Heere der Ägypter und Hethiter aufeinander. In jener Zeit war der König Muwatalli der Herrscher der Hethiter. Beide Könige, Ramses und Muwatalli, waren bei der Schlacht persönlich anwesend, sie wurden also nicht von Feldherren vertreten. Die Ägypter marschierten mit rund 20.000 Soldaten ins Feld. Das war für die damalige Zeit eine große Streitmacht. Die hethitische Armee war sogar noch größer. Muwatalli führte rund 37.000 Krieger ins Feld. Zu den Elitetruppen beider Seiten gehörten die Streitwagenabteilungen, die damalige Kavallerie. Das Kriegsgeschehen lässt sich wie folgt zusammenfassen. Die Ägypter hatten ihr Heer in vier Abteilungen oder Divisionen aufgeteilt, die in großen Abständen hintereinander marschierten. Pharao Ramses hielt sich ganz ritterlich an der Spitze der ersten Abteilung, der Vorhut, auf. Diese wurde jedoch von den Hethitern in einen Hinterhalt gelockt und von der restlichen ägyptischen Armee abgetrennt. Ramses war durch diesen militärischen Schachzug in die Falle geraten. Im Schlachtgetümmel soll er in der Not – so will es die schriftliche Überlieferung wissen – den Gott Amun-Re um Hilfe angefleht haben. Tatsächlich kam Hilfe herbeigeeilt, und zwar in Form einer ägyptischen Hilfstruppe, die von der Küste ins Kriegsgebiet vorstieß. So konnte Ramses aus der Umzingelung befreit werden. Die Schlacht schien am Ende unentschieden geendet zu haben. Doch die Ägypter verkündeten zu Hause einen glorreichen Sieg. Diese Schlacht war für Ramses wohl ein einschneidendes Erlebnis. Jedenfalls sind in vielen seiner Tempel ausführliche Schlachtbeschreibungen mit Hieroglyphentexten und Reliefbildern erhalten – so etwa in Abu Simbel, in Karnak und in seinem Totentempel, dem Ramesseum.

Tatsächlich war mit dieser Schlacht bei Kadesch ein Wechsel der ägyptischen Außenpolitik verbunden. Zwar blieben die Grenzen zwischen beiden Großmächten strittig, doch kam es zu keiner großen Schlacht mehr. Stattdessen wurde eine schriftliche Korrespondenz gepflegt. Es gab eine Art Diplomatie. Einige Jahre später kam es sogar zu einer, für jene Zeit, ganz ungewöhnlichen Einigung beider Staaten. Ramses II. schloss mit dem neuen hethitischen Herrscher Hattusili III. einen Friedensvertrag. Es handelt sich hierbei um das erste schriftlich erhaltene Dokument eines Friedensvertrages zwischen zwei Staaten. Der Vertrag wurde sowohl auf Ägyptisch als auch auf Hethitisch verfasst. Als Krönung dieses Abkommens gab es sogar eine diplomatische Hochzeit. Ramses II. heiratete eine hethitische Prinzessin. Der Wechsel von einer aggressiven Kriegs- und Eroberungspolitik zu einer Politik der internationalen Verständigung und Diplomatie bescherte dem Nahen Osten eine friedliche Ruhephase. Der Ägyptologe Jan Assmann resümiert: „Der Vertrag mit Hattusil III. im Jahre 21 und die Heirat mit einer Tochter dieses Königs im Jahre 34 legen den Grund zu einer pax Ramessidica, die über 60 Jahre gehalten hat.“ (Assmann, Sinngeschichte, S. 301). Die Bedeutung dieses ersten historisch überlieferten Friedensabkommens wird durch die Tatsache unterstrichen, dass heute im Gebäude der UNO in New York eine Kopie dieses Friedensvertrages hängt – eine Mahnung an alle modernen Mächte, den Frieden zu bewahren.

Ramses der Große war ein eifriger Bauherr. Je seltener er Kriegsauszüge unternahm, desto mehr konzentrierte er sich auf große Bauprojekte. Unter keinem anderen Herrscher Ägyptens wurden so viele Tempel und Monumente errichtet wie unter ihm. Unter seiner Schirmherrschaft entstanden die gewaltigen Felstempel von Abu Simbel, der große Säulensaal in Karnak, sein monumentaler Totentempel in West-Theben und eine neue Stadt im östlichen Nil-Delta (Ramsesstadt – Pi-Ramesse), die neben Memphis als Regierungssitz diente und geographisch nah an den außenpolitischen Problemzonen der Levante lag, sowie zahlreiche Tempel in Nubien.

Ramses II. starb im Jahre 1213 v. Chr. Bestattet wurde er in seinem monumentalen Felsgrab im Tal der Könige (KV 7). Seine ägyptische Hauptgemahlin Nefertari wurde in einem Grab im Tal der Königinnen bestattet. Es gilt als hinsichtlich der Dekoration als eines der schönsten überhaupt.

Als die Mumie Ramses’ II. vor einigen Jahren temporär nach Frankreich gebracht wurde, um sie an wissenschaftlichen Instituten in Paris medizinisch zu untersuchen, empfing Frankreich den toten König in Form eines „offiziellen Staatsempfangs“ mit rotem Teppich und Musik, wie es auch für verstorbene Staatsoberhäupter protokollarisch vorgesehen ist. Der Respekt vor großen Persönlichkeiten geht auch nach Jahrtausenden nicht verloren.

Auswahl weiterführender Literatur

  • Assmann, Jan, Ägypten – Eine Sinngeschichte, München und Wien 1996.
  • Beckerath, Jürgen v., Chronologie des pharaonischen Ägypten, (Münchener Ägyptologische Studien, Band 46), Mainz 1997.
  • Eaton-Krauss, Marianne, „Ramses II.“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Wiesbaden 1984, Sp. 108-114.
  • Gardiner, Alan, Egypt of the Pharaohs, Oxford 1961.
  • Hawass, Zahi, The Mysteries of Abu Simbel: Ramesses II and the Temples of the Rising Sun, Kairo 2001.
  • Hawass, Zahi, Wonders of Abu Simbel: The Sound and Light of Nubia, Kairo 2010.
  • Schneider, Thomas, Lexikon der Pharaonen – Die altägyptischen Könige von der Frühzeit bis zur Römerherrschaft, Zürich 1994.
  • Scholz, Piotr O., Abu Simbel: In Stein verewigte Herrschaftsidee, Köln 1994.
  • Way, Thomas von der, Die Textüberlieferung Ramses’ II. zur Qades-Schlacht - Analyse und Struktur, (Hildesheimer Ägyptologische Beiträge 22), Hildesheim 1984.

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg