Entstehung islamischer Bewegungen im modernen Ägypten

Das christliche geprägte Abendland hat verschiedene Phasen durchlaufen, in denen die mittelalterlich-religiöse Weltsicht relativiert wurde und neue Denkformen und Weltvorstellungen Einzug erhielten. Wir verbinden mit dieser Entwicklung Epochenbegriffe wie Renaissance, Reformation, Zeitalter der Aufklärung, Industrialisierung und moderne Wissenschaft. An diesen Entwicklungen partizipierte die islamische Welt nur am Rande, und nur dort, wo in großen Metropolen eine kosmopolitische Gesellschaft entstanden war. Große Teile der islamischen Länder waren sogar von dieser Entwicklung geographisch abgeschirmt. Umso größer war der kulturelle und gesellschaftliche Unterschied geworden, als im 19.Jahrhundert die Europäer – einhergehend mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches – Schritt für Schritt zur Kolonial- und Mandatsmacht in Nordafrika, im Nahen und im Mittleren Osten wurden. Die Europäer, hauptsächlich die Franzosen und die Briten, später, auf dem Boden des Osmanischen Reiches, auch die Deutschen, setzten sich für Modernisierungen der islamischen Gesellschaften ein, da sie diese für rückständig hielten. So prallten zwei Welten aufeinander, exemplarisch zu sehen an der französischen Eroberung Ägyptens unter Napoleon Bonaparte. Natürlich gab es bald gesellschaftliche Eliten, die sich von westlichen Denkweisen überzeugen ließen und ihre eigenen Länder auf den Kurs der Modernisierung bringen wollten. In Ägypten begann diese Phase unter Mohammed Ali (Muhammad Ali), wurde unter der britischen Mandatszeit fortgesetzt und von Gamal Abdel Nasser unter einem pan-arabischen Banner fortgeführt. In der Türkei setzte die Reformzeit unter Kemal Atatürk ein, der seinem Land eine radiale Modernisierung verordnete.

In Ägypten war es vor allem die gebildete Oberschicht, die in Zeiten der Moderne auch eine neue Form des Islams anstrebte, in der Glaube und gesellschaftliches Leben mit dem Fortschritt und der Wissenschaft vereinbar sind. Hinzu kam das Bedürfnis der Reichen und Wohlhabenden, ihren westlichen Lebensstil auch in einer islamischen Gesellschaft legitimieren zu wollen und zu können. Auch neue Ideologien, wie der pan-arabische Nationalismus und der arabische Sozialismus, die insbesondere unter der Regierung Gamal Abdel Nassers propagiert wurden, tendierten zu einer Relativierung der Bedeutung des Islams und favorisierten Tendenzen zur Säkularisierung des Landes. Ein heftiger Schritt seitens der Regierung war es, im Zuge der Landreform nicht nur die Reichen, sondern auch die religiösen Stiftungen zu enteignen, um das Land unter den landlosen Bauern zu verteilen.

Nach dem Vorbild der Türkei waren und sind säkulare Kräfte besonders in der Armee vertreten. Und von der Armee gingen ja auch die ersten Impulse zur Revolution gegen das Königtum und gegen den britischen Einfluss aus.

In den 1940er bis 1970er Jahren schien es, als ob der westliche Lebensstil unaufhaltsam den islamisch-traditionellen verdrängen werde. In den bürgerlichen Milieus der Städter war es modern, westliche Kleidung zu tragen, und bei den Frauen zeitweise sogar üblich, kurze Röcke und Kleider, enge Hosen oder Stöckelschuhe zu tragen. Gerade die ägyptischen Filme aus jenen Jahrzehnten zeigen ganz deutlich, wie die Schauspieler und Filmfiguren dem Kinopublikum eine Welt vorspielten, in der moderne Ägypter optisch und modisch kaum von Franzosen, Italienern oder anderen mediterranen Westlern zu unterschieden waren.

Moderne Bildung und westlicher Lebensstil waren allerdings lange Zeit nur den wohlhabenden Städtern vorbehalten. Die Bewohner der Armenviertel und ländlichen Regionen hatten nur sehr bedingt Zugang zu Bildung und westlichen Konsumgütern. So wundert es nicht, dass gerade aus dem Milieu der ärmeren Bevölkerungsschichten eine Gegenbewegung hervortrat: der Islamismus. Dem westlichen Modernisierungswahn wurden die Werte und Traditionen der islamischen Gesellschaft entgegengehalten. Diese waren Werte, mit denen sich auch die einfache Bevölkerung identifizieren konnte und für die man keinen westlichen Konsum braucht oder „Bildung“ im modernen Sinne. Die Gegenbewegung fand in Ägypten ihren organisatorischen Ausdruck in der Muslimbrüderschaft.

Unter dem Nachfolger Anwar as-Sadat änderte sich die Ausrichtung der Politik. Um ein politisches Gegengewicht zu den pan-arabischen und säkularen Sozialisten zu schaffen, ließ Sadat eine Stärkung der islamistischen Gruppierungen in der Gesellschaft zu. Diese Entwicklung wurde ihm allerdings zum Verhängnis, denn die islamischen Fundamentalisten verziehen Sadat nie die Annäherung an Israel. So kam es zum Attentat vom 6. Oktober 1981.