Christen in Ägypten – Der Aufenthalt der Heiligen Familie in Ägypten
Eine besondere Inspiration und Motivation der frühen gläubigen Christen im spätantiken Ägypten war der feste Glaube an die biblische Überlieferung, dass die Heilige Familie, d.h. Josef, Maria und Jesus in Ägypten weilten. Nach der Geburt Christi seien sie aus Bethlehem nach Ägypten vor der Verfolgung durch Herodes geflohen, welcher der Überlieferung des Matthäus-Evangeliums zufolge die neugeborenen Kinder dort töten ließ (siehe Matthäus 2,13). Aufgrund der Aussagen der heiligen drei Magier fürchtete er die Geburt eines neuen Königs. Ob es sich historisch so zu zugetragen haben könnte, ist sehr fraglich, denn der Kindermassenmord ist nirgends sonst überliefert. Außerdem starb Herodes im Jahre 4 v. Chr., während die große Volkszählung unter dem römischen Präfekten Publius Sulpicius Quirinius, Statthalter des Kaisers Augustus in Syrien/Palästina, erst im Jahre 7 n. Chr. stattgefunden haben soll. Dieser Sachverhalt legt auch die Problematik offen, dass unsere Zeitrechnung vermutlich nicht exakt mit der Geburt des historischen Jesus übereinstimmt. Inwiefern die so genannte Weihnachtsgeschichte um die Geburt des Messias tatsächlich ein reales Ereignis wiedergibt oder nur eine Synthese aus verschiedenen zeitgenössischen Geburtslegenden ist (z.B. Mithras, Horus), die sich mit ihren Erzählmotiven überlagern, sei der theologischen Diskussion überlassen. Festzuhalten ist die Tatsache, dass Millionen Christen daran glauben und dass der Glaube daran die weitere Gestaltung des Christentums beeinflusste. Der historisch unbelegte Kindermassenmord zu Bethlehem erinnert zudem an den massenhaften Kindermord Pharaos in der Mosesgeschichte (Exodus 1,22).
Für die koptischen Christen ist der Aufenthalt der Heiligen Familie in Ägypten ein wichtiger Bestandteil ihres Glaubens. Durch die temporäre Anwesenheit Christi wird Ägypten Teil des Heiligen Landes. Damit war Ägypten, in dem angeblich schon Josef Amtsträger des Pharao war und Moses als Prophet, Befreier und Heilsbringer wirkte, erneut Teil der biblischen Glaubenswelt geworden. Nach koptischer Tradition soll sich die Heilige Familie mehr als drei Jahre lang in Ägypten aufgehalten haben. Eine Reihe von Orten am Nil sind mit koptischen Überlieferungen verknüpft, die Anekdoten zum Leben und zu den Wundern Jesu erzählen.
Auswahl weiterführender Literatur:
- Brunner-Traut, Emma, Die Kopten: Leben und Lehre der frühen Christen in Ägypten, München 1993 (Neuauflage: Freiburg 2000).
- Cannuyer, Christian, Coptic Egypt: The Christians of the Nile, London 2001.
Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg