Die Felsentempel von Abu Simbel (Teil 1)

Felsentempel von Abu Simbel
Felsentempel von Abu Simbel

Zu den prominentesten Monumentalbauten aus dem alten Ägypten zählen die zwei Felsentempel von Abu Simbel. Sie stammen aus der Regierungszeit von Pharao Ramses dem Großen (Ramses II. User-Maat-Re, Neues Reich, 19. Dynastie, 13. Jahrhundert v. Chr.). Die Felsentempel sind die größten ihrer Art in ganz Ägypten. Abu Simbel liegt etwa 280 km südlich von Assuan und rund 40 km nördlich der sudanesischen Grenze. Wegen der relativ großen Entfernung zur nächsten großen Stadt hat sich in der Nähe der Tempel eine kleine Ortschaft entwickelt, die zum größten Teil vom Tourismus lebt. Restaurants, Hotels und Souvenirshops sind die Haupteinnahmequellen der Bewohner. Ein anderer wichtiger Arbeitgeber vor Ort ist der kleine Flughafen. Da die Anfahrt mit dem Bus von Assuan drei bis vier Stunden Wüstenfahrt in Anspruch nimmt und die Nilkreuzfahrtschiffe wegen des Assuan-Hochdammes nicht bis nach Abu Simbel fahren können, wurde eigens für die Reisegäste ein Flughafen errichtet. Dort landen die Gäste, die zumeist aus Assuan oder Luxor angeflogen kommen, um einen Tag lang die Tempelanlagen zu besichtigen. Die meisten Gäste reisen am selben Tag an und ab. Es gibt auch einige wenige kleine Fährschiffe und Boote mit Sonderlizenzen, die auf dem Nasser-See Kreuzfahrten anbieten und dabei natürlich auch in Abu Simbel anlegen. Wegen der Nähe der sudanesischen Grenze und wegen des Flughafens gibt es im Ort ein relativ hohes Aufgebot an Sicherheitskräften.

Das Felsentempelensemble von Abu Simbel gehört zu den größten Tempelanlagen Nubiens. Als Nubien bezeichnet man im geographischen Sinne die Landschaft und den Nilabschnitt zwischen Assuan im Norden und Khartoum im Süden. Es sind zwei Felsentempel: ein kleiner und ein großer. Der große wurde der Verehrung des göttlichen Pharao Ramses II. zusammen mit den drei großen Reichsgöttern, Ptah von Memphis, Amun-Re von Theben und Re-Harachte von Heliopolis geweiht. Mit diesen Götternamen sind auch die drei bedeutendsten Tempelinstitutionen der Ramessidenzeit verbunden. Ähnlich wie bei den Totentempeln der Könige ist in Abu Simbel die Verehrung Pharaos mit den Götterkulten verknüpft. Der andere, kleinere der beiden Tempel ist der königlichen Gemahlin Nofretari geweiht.

Entdeckungsgeschichte vom Abu Simbel

Ramses-Statuen von Abu Simbel
Ramses-Statuen von Abu Simbel

Wegen der südlichen Lage weitab in Nubien waren die Tempel von Abu Simbel nach dem Ende der römischen und byzantinischen Epoche über Jahrhunderte aus dem Blickfeld europäischer Reisender geraten. Nur selten kamen Europäer den Nil bis nach Nubien herauf. Auch die Gelehrten, welche die französische Ägyptenexpedition unter Napoleon Bonarparte 1798 bis 1799 begleiteten, um die Altertümer Ägyptens zu dokumentierten, gelangten nicht weit genug in den Süden, um auf Abu Simbel zu treffen.

Der erste Europäer, der der den Tempel wiederentdeckte, war der schweizerische Gelehrte und Abenteuerreisende Johann Ludwig Burckhardt (Jean Louis Burckhardt, 1784 bis 1817), der als Orientale verkleidet unter dem Decknamen Scheich Ibrahim eine mehrjährige Expedition durch den Nahen Osten und Nordafrika unternahm. Als Burckhardt im Jahre 1813 den Tempel von Abu Simbel sah, war ein Teil der Front des Tempels von einer großen Sanddüne zugeweht. Der Eingang war zugeschüttet und nicht erreichbar. 1817 kam schließlich der Abenteurer und Amateurarchäologe Giovanni Battista Belzoni (1778 bis 1823) nach Abu Simbel. Er ließ den Eingang freilegen und gelangte ins Innere des Tempels. Die ersten genaueren wissenschaftlichen Aufzeichnungen wurden 1828 von Jean-François Champollion (1790 bis 1832), dem berühmten Entzifferer der Hieroglyphen, und 1844 von Karl Richard Lepsius (1810 bis 1884), dem Begründer der deutschen Ägyptologie, angefertigt. In seiner ganzen Pracht und Größe der europäischen Öffentlichkeit näher gebracht wurden die Felsentempel von Abu Simbel durch die Zeichnungen, Farblithographien und Ölgemälde des englischen Künstlers David Roberts (1796 bis 1864), der von 1838 bis 1839 das Land am Nil bereiste. Seine eindrucksvollen Bilder illustrieren seitdem zahlreiche Bücher und Postkarten. Die Art und Weise, wie sich die Felstempelkulisse in die pittoreske Nil- und Wüstenlandschaft fügt, und die geheimnisvolle Aura der riesigen Monumentalstatuen, ließ Abu Simbel zu einem Sinnbild für das mystische alte Ägypten werden. Ein anderer prominenter Orientreisender, der bereits 1837 Abu Simbel besuchte, war Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785 bis 1871). Auch er widmete Abu Simbel in seinen als Buch verlegten Reisememoiren eine ausführliche Beschreibung. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts war Abu Simbel schließlich bekannt genug, um zum Reiseprogramm vieler europäischer Ägyptentouristen zu gehören. Heute gehört Abu Simbel neben den Pyramiden und der Sphinx von Giza zu den bekanntesten Postkartenmotiven altägyptischer Baukunst überhaupt und war bereits mehrfach Kulisse von Filmszenen.

Versetzung der Felsentempel von Abu Simbel

Die Errichtung des Assuan-Hochdammes hatte die Stauung des Nils zu einem gewaltigen See zur Folge. Der Nasser-See sollte Ägypten einen niemals versiegenden Speicher an Süßwasser bescheren. Doch den Preis dafür zahlten die Nubier, die in dieser Region siedelten. Hunderte Ortschaften mit ihren Gärten und Feldern mussten weichen. Auch die zahlreichen Tempelanlagen aus dem Altertum, die fast alle am Nilufer standen, waren in Gefahr. Die Felsentempel von Abu Simbel waren die international bekanntesten und der Aufhänger, um die Weltöffentlichkeit von der Bedeutung der nubischen Tempel zu überzeugen. Schließlich wurde unter der Schirmherrschaft und mit finanzieller Unterstützung der UNESCO eine Rettungsaktion beschlossen. Die Tempel sollten zerlegt, abgebaut und 180 Meter landeinwärts an einer etwa 65 Meter höheren Stelle wieder aufgebaut werden.

Nach langen Planungen wurde 1963 mit den Bauarbeiten begonnen. Zahlreiche Firmen aus mehreren Ländern waren an dem Projekt beteiligt. Die Projektleitung lag bei dem deutschen Bauunternehmen Hochtief aus Essen. Zunächst wurde ein Kofferdamm mit Spundwand angelegt, um den Tempel vor dem steigenden Wasserstand des Nasser-Sees zu schützen. Große Teile des umliegenden Felsens wurden abgetragen, um den eigentlichen Tempelbereich freizulegen. Dann begann man, den großen und den kleinen Felsentempel von Abu Simbel in einzelne transportfähige Blöcke zu zerlegen und diese zu registrieren und zu katalogisieren. Besondere Vorsicht war beim Zersägen der Monumentalstatuen und Wandreliefs geboten, um diese später nahezu fugenfrei wieder zusammenfügen zu können. Die schwersten Blöcke wogen an die 30 Tonnen. Die meisten waren allerdings kleiner und wogen 12 bis 20 Tonnen. Nach der Zusammensetzung der einzelnen Bauteile und dem Wiederaufbau am neuen Platz überspannte man den hinteren Teil der beiden Tempel mit jeweils einer mächtigen Betonschale, die dann von außen mit Steingeröll überlagert wurde, so dass das ursprüngliche und charakteristische Aussehen der Heiligtümer als Felsentempel bewahrt werden konnte.  

Die Fassadenfront der große Felsentempel von Abu Simbel

Mit seinen vier riesigen, rund 20 Meter hohen Monumentalstatuen, die Pharao Ramses darstellen, gehört der große Felsentempels von Abu Simbel zu den beeindruckensten Bauwerken des alten Ägypten. In den Fels geschlagene Tempel und Kapellen waren bis zur Erbauung Abu Simbels zwar nicht neu, doch in dieser Monumentalität blieb die Anlage bis heute einmalig. Die vier Sitzstatuen wurden beim Wiederaufbau des Tempels exakt so hergerichtet, wie sie bei der alten Lage des Tempels vorgefunden wurden. Aus diesem Grund ist die Figur links des Tempeleingangs, die schon in der Antike, und zwar schon zu Lebzeiten Ramses II. in seinem 31. oder 32. Regierungsjahr, durch ein Erdbeben zu Schaden gekommen war, nicht wieder komplett hergestellt worden. Der herab gefallene Oberkörper liegt wie ehedem auf dem Boden. Die Figuren zeigen den König mit königlichem Kopftuch, darauf der Doppelkrone von Ober- und Unterägypten, mit Uräus-Schlange an der Stirn und Zeremonialbart am Kinn. An den Seiten und zwischen den Beinen der Monumentalstatuen sind kleine Figuren von königlichen Familienmitgliedern herausgearbeitet worden. Alle Figuren schauen zum Osthorizont, wo die täglich die Sonne aufgeht. Auf der Tempelterrasse vor den Monumentalstatuen steht eine Reihe kleinerer Figuren, und zwar jeweils abwechselnd Darstellungen von Pharao Ramses mit königlichem Kopftuch und Doppelkrone sowie Abbilder des Horusfalken.

Oben wird die Tempelfront von einem Fries aus herausreliefierten Pavianen bestimmt. Paviane galten als besondere Sonnenanbeter, weil diese Tiere bei Sonnenaufgang viel Lärm machen. Daher sind sie auch in den altägyptischen Unterweltsbüchern als Begrüßer der Sonne dargestellt. Über dem Eingang ist eine Relieffigur in einer Hochnische herausgemeißelt, die den Sonnengott Re-Harachte mit Falkenkopf und Sonnenscheibe darstellt. In den Händen hält die Figur an der einen Seite einen Stab mit Schakalskopf, der ägyptisch als “User” (das soviel wie “stark” bedeutet) gelesen werden kann, an der anderen Seite einen Stab in Form der Göttin Maat (“Wahrheit, Gerechtigkeit, Harmonie, etc.”). Liest man die zwei Zeichen zusammen mit dem dargestellten Gott als Wortkombination, erhält man den Thronnamen des Königs: User-Maat-Re (“Stark ist die Wahrheit des Sonnengottes”).  An den Thronsockeln der Monumentalstatuen sind im Eingangsbereich Reliefdarstellungen von Nilgöttern und unterworfenen Fremdvölkern zu sehen.

Weiter zum 2. Teil Felsentempel von Abu Simbel