Die Felsentempel von Abu Simbel (Teil 2)
Das Innere des großen Felsentempels von Abu Simbel
Durch das Eingangsportal gelangt man ins Innere der Anlage. Der erste Raum ist eine 17,7 mal 16,5 Meter große Halle mit acht Osiris-Pfeilern. Jede dieser Standfiguren ist fast 10 Meter hoch. Alle Figuren tragen den Namen von Ramses, sind also Darstellungen des Königs als Osiris. An der Decke sind noch Malereien mit Geierdarstellungen erhalten. Auf der nördlichen Seitenwand des Nordflügels der dreischiffigen Eingangshalle befinden sich die berühmten Reliefszenen und Beschreibungen der Schlacht von Kadesch (Qadesch). Kadesch war eine syrische Stadt am Fluss Orontes. Dort trafen die Heere der Ägypter und Hethiter aufeinander. Die Reliefszenen gehören neben denen in Karnak und Medinet Habu zu den ausführlichsten und detailreichsten Kriegsdarstellungen aus dem alten Ägypten. Die Schlacht von Kadesch im vierten Jahre der Regierungszeit Ramses’ II. war eine der außergewöhnlichsten historischen Ereignisse jener Zeit. In Syrien trafen zwei nahöstliche Großmächte aufeinander: das anatolische Großreich der indoeuropäischen Hethiter und das ägyptische Reich der Pharaonen, deren imperiale Expansionsbestrebungen sich im syrischen Bereich überschnitten und so zum Konflikt führten. Die Bedeutung dieser Ereignisse wird durch die Tatsache unterstrichen, dass Ramses ähnliche Kriegsberichte und Schlachtdarstellungen zum selben Ereignis auf dem Eingangspylon des Luxor-Tempels, auf der südlichen Tempelwand in Karnak und in seinem Totentempel in Theben, dem Ramsseum anbringen ließ. Ramses’ Gegner war der hethitische König Muwatalli. Beide Herrscher waren bei dem Krieggeschehen persönlich anwesend. Auf ägyptischer Seite standen etwa 20.000 Soldaten, aufgeteilt in vier Divisionen. Die hethitische Streitmacht bestand aus etwa 37.000 Soldaten. Beide Seiten verfügten zudem über starke Streitwagenabteilungen. Ramses war an der Spitze der ersten Division, die als Vorhut voranschritt und den Fluss Orontes überquert hatte, in einen militärischen Hinterhalt geraten. Nur das rechtzeitige Eingreifen einer weiteren ägyptischen Truppe, die von der Küstenregion verspätet auf das Kriegsgebiet vorrückte, konnte der Pharao aus seiner misslichen Lage befreit werden. Daraufhin zogen sich die Ägypter zurück. Diese militärische Niederlage wurde jedoch daheim als Sieg verkauft. Die vielen ägyptischen Kriegsberichte idealisieren die Rolle Ramses’ II. im Schlachtverlauf. Seine Befreiung aus dem feindlichen Hinterhalt wird auf ein persönliches Eingreifen des Gottes Amun zurückgeführt, den der Pharao in seiner Not angerufen haben soll.
Viele Jahre nach diesen Geschehnissen, kam es zur diplomatischen Annäherung beider nahöstlicher Großmächte und im 21. Regierungsjahre Ramses’ II. zum ersten historisch überlieferten Friedensvertrag der Geschichte mit dem neuen hethitischen König Hattuschili III., sowie, im 34. Regierungsjahr, zu einer diplomatischen Hochzeit zwischen Ramses und einer hethitischen Königstochter.
Nun soll kurz die Reihenfolge der Darstellungen zur Hethiterschlacht auf der Nordwand der Pfeilerhalle erläutert werden. Zunächst sei das untere Register von links nach rechts beschrieben. Man sieht zuerst den Auszug der ägyptischen Truppen. Dann kommt eine Darstellung des ägyptischen Feldlagers, das mit einer Schutzpalisade aus Schilden umgeben ist. Man erkennt Details des militärischen Lagerlebens, wie z.B. die Pferde der Streitwagenkolonne gefüttert und umsorgt werden und die Zelte in der Mitte des Lagers. Dann folgt eine Darstellung des Königs, der mit seinen hohen Militärs Kriegsrat hält. Unterhalb dieser Szene ist dargestellt, wie zwei Verräter bzw. feindliche Spione von ägyptischen Wachsoldaten verprügelt werden. Dann folgt eine Schlachtszene der Wagen-Kavallerie. Im oberen Register ist von links nach rechts das weitere Kampfgeschehen der Schlacht geschildert. Ganz groß in der Mitte prescht Ramses II. mit seinem Streitwagen ins Kampfgewühl. Er ist bereits von feindlichen hethitischen Kampfwagen (erkennbar an der Drei-Mann-Besatzung) umgeben. Dann, weiter rechts, folgt eine schöne bildliche Darstellung der Stadt Kadesch. Man sieht die Befestigungsmauern und Türme sowie die Verteidigungstruppen der Stadtbefestigung. Man sieht ebenso, wie die Stadt vom Fluss Orontes umflossen wird. Nach den Kampfszenen folgt schließlich ganz rechts der Triumph Pharaos. Die Gefangenen werden vorgeführt, und die Gefallenen werden anhand abgeschnittener Hände gezählt.
Auf der Südwand der Pfeilerhalle sind sowohl religiöse Szenen dargestellt als auch militärische. Von links nach rechts handelt es sich um Kriegsszenen gegen die Syrer (Erstürmung einer Festung), gegen die Libyer (Kampfszene) und eine Triumphszene auf dem Krieg gegen die Nubier.
Von der Eingangshalle mit den prächtigen Osirispfeilern gehen zu beiden Seiten mehrere Nebenkammern ab. Diese dienten als Magazine, als Schatzkammern für die Tempelschätze und Vorratskammern für die Opfergaben. Solche Magazine waren seit dem Alten Reich üblich.
Auf gerader Achse folgt der Eingangshalle eine weitere Halle mit vier Pfeilern. Die Wände und Pfeiler sind mit Reliefs dekoriert. Eindrucksvoll ist die Darstellung an der Südwand der Halle, die die Prozessionsbarke des Amun-Re zeigt. Auf den Vier-Pfeiler-Saal folgt ein kleinerer Quersaal. Hier sieht man Darstellungen von Ramses bei Kulthandlungen vor verschiedenen Göttern: Min, Horus, Chnum, Atum, Thot und Ptah.
Am Ende der Tempelachse befindet sich das Allerheiligste, das Sanktuarium. Von der Treppe zur Terrasse bis zur Rückwand des Allerheiligsten sind es übrigens etwa 63 Meter, von der Schwelle am Eingangportal an gemessen, sind es ca. 55 Meter. An der Rückwand des Sanktuars befindet sich eine Statuengruppe von vier Sitzstatuen auf einer Thronbank (von links nach rechts): Ptah von Memphis, Amun-Re von Theben, der vergöttlichte Ramses und Re-Harachte von Heiliopolis. Man hat den Tempel an der neuen Stelle so nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, wie er auch an originaler Stelle stand. Vom Eingang bis zum Allerheiligsten ist der Tempel streng axial gebaut. Am 21. Februar und am 21. Oktober, also an den so genannten Äquinoktien, ist für einige Minuten der Lichteinfall solcherart, dass die aufgehende Morgensonne direkt auf die Figuren des Allerheiligsten strahlt. Man spricht hierbei vom berühmten Sonnenwunder.
Außenanlagen des großen Tempels von Abu Simbel
Vor dem Felsentempel befinden sich an den Seiten noch zwei kleine Nebenkapellen, die in der Regel dem Besucher allerdings nicht zugänglich sind. Die 6,5 mal 4,5 Meter große südliche Nebenkapelle ist vollständig in den Fels geschlagen worden. Die Kapelle ist der Verehrung des Gottes Thot gewidmet und war vielleicht auch als Geburtskapelle zur Verehrung des göttlichen Pharao gedacht. Die nördliche Nebenkapelle ist nicht aus dem Fels geschlagen, sondern aus Steinblöcken aufgemauert. Bei dieser Kapelle handelt es sich um ein kleines Sonnenheiligtum. Daher wurde das Dach offen gelassen, so dass die Kapelle wie ein kleiner Hof wirkt.
In den Felsen rund um die Fassadenfront des Tempels sind an zahlreichen Stellen Felsenstelen mit Inschriften und Reliefbildern gemeißelt worden. Sie stammen und künden von unterschiedlichen hohen Amtsträgern und den Vizekönigen von Nubien aus der Zeit Ramses’II. und danach. Einige Inschriftenstelen sind königlichen Inhalts, so eine bedeutende Felsinschrift an der südlichen Seitenwand der Fassadenfront des Tempels. Es handelt sich um die so genannte Hochzeitsstele. Die Inschrift berichtet von der bereits erwähnten Hochzeit Ramses’ II. mit einer hethitischen Prinzessin. Im Text ist unter anderem von der Anreise und Ankunft der hethitischen Prinzessin mitsamt des königlichen Geleittrosses und der reichen Mitgiftgaben, den Hochzeitsvorbereitungen und der Vermählung, die den Frieden zwischen dem Reich der Hethiter und dem Land der Pharaonen bringen soll, die Rede.
Der kleine Felsentempel von Abu Simbel
Der kleinere der beiden Felsentempel war der Gemahlin Ramses’ des Großen gewidmet, der Königin Nofretari (auch: Nefertari, ebenfalls 19. Dynastie, um 1260 v. Chr.). Er liegt nur rund 150 Meter nördlich des großen Haupttempels und ist wie dieser in den anstehenden Fels gehauen. Der Tempel ist eine Verbindung aus Verehrungstempel für die Königin und Göttertempel für Hathor. Ein solches Bauwerk der Königsgemahlinnenverehrung ist höchst selten und unterstreicht die Bedeutung, die Nofretari bei Hofe besessen haben muss. Dies wird auch von der Größe und prächtigen Ausstattung ihres Grabes im Tal der Königinnen in West-Theben unterstrichen.
Die Fassade ist leicht geböscht. Sie misst 12 mal 28 Meter. Sechs stehende Monumentalfiguren von etwa 10 Meter Höhe zieren die Eingangsfront, drei links und drei rechts des Eingangsportals. Bei den vier männlichen Figuren handelt es sich um Darstellungen des vergöttlichten Ramses, bei den zwei weiblichen um Darstellungen der Königin Nofretari als Verkörperung der Göttin Hathor. Die verschiedenen kleinen Nebenfiguren an den Beinen zeigen deren gemeinsame Kinder. Die Fassade entspricht dem Pylon bei einem freistehenden Tempel. Ursprünglich war die Fassade am oberen Rand von einer Hohlkehle abgegrenzt, die jedoch im Laufe der Zeit, von ein paar Resten abgesehen, abgebrochen ist.
Durch den Eingang gelangt man in eine dreischiffige Pfeilerhalle. Die sechs Pfeiler sind an der Gangseite mit Reliefs dekoriert, die jeweils ein Hathorsistrum zeigen, d.h. ein Rasselinstrument mit dem Kopf der Göttin Hathor. Solche Instrumente wurden bei heiligen Ritualen verwendet, um den Zorn der Göttin zu besänftigen und sie Milde zu stimmen. Die Reliefs an den Wänden thematisieren hauptsächlich Opfer- und Ritualtätigkeiten des königlichen Paares vor den Gottheiten. An der Eingangswand sind Szenen der rituellen Feinderschlagung dargestellt: Ramses II. erschlägt in Anwesenheit Re-Harachtes einen gefangenen Libyer und vor dem Gott Amun-Re einen Nubier.
Drei Durchgänge, von jedem der drei Schiffe der Pfeilerhalle jeweils einer, führen zu einem Querraum mit zwei unvollendeten Seitenkammern. Am Ende der Tempelachse befindet sich das Sanktuarium, das Allerheiligste der Anlage. In einer Nische an der Rückwand sind die Reste der zerstörten Figur der Hathorkuh erkennbar. Sie tritt scheinbar aus dem Fels heraus. Unter ihrem Kinn steht eine Figur des Königs. Die Bedeutung dieser Rundbildkomposition verdeutlicht die Rolle Hathor als schützende Göttin des Königtums. Die Reliefs zeigen unter anderen die Königin Nofretari beim Rauchopfer vor den Göttinnen Mut und Hathor. Auch der König ist dargestellt: Er räuchert vor dem Standbild von ihm selbst und seiner Königsgemahlin Nofretari.
Auswahl weiterführender Literatur:
- Arnold, Dieter, Lexikon der ägyptischen Baukunst, München u. Zürich 1994.
- Burkhardt, Johann Ludwig, Reisen in Nubien, Tübingen 1981 (Original: Travels in Nubia, London 1819).
- Dümichen, Johannes, Der Felsentempel von Abu Simbel und seine Bildwerke und Inschriften, Berlin 1869.
- Hawass, Zahi, The Mysteries of Abu Simbel: Ramesses II and the Temples of the Rising Sun, Kairo 2001.
- Hawass, Zahi, Wonders of Abu Simbel: The Sound and Light of Nubia, Kairo 2010.
- Magi, Giovanna, Assuan - Philae - Abu Simbel, Florenz 1992.
- Noblecourt, Christiane Desroches u. Georg Gerster, Die Welt rettet Abu Simbel, Wien, Berlin u.a. 1968.
- Otto, Eberhard, “Abu Simbel”, in: Lexikon der Ägyptologie, Band I, Sp. 25-27.
- Scholz, Piotr O., Abu Simbel: In Stein verewigte Herrschaftsidee, Köln 1994.
- Stock, Michael und Jill Kamil, Aswan and Abu Simbel - History and Guide, Kairo 1993.
- Way, Thomas von der, Die Textüberlieferung Ramses’ II. zur Qades-Schlacht - Analyse und Struktur, Hildesheimer Ägyptologische Beiträge 22, Hildesheim 1984.
- Willeitner, Joachim, Nubien: antike Monumente zwischen Assuan und Khartoum, München 1997.
- Willeitner, Joachim, Abu Simbel: Felsentempel Ramses’II. von der Pharaonenzeit bis heute, Mainz 2010.
- Wilkinson, Richard H., The Complete Temples of Ancient Egypt, London 2000.
- Zecchi, Marco, Abu Simbel, Assuan und die nubischen Tempel - Kunst und Archäologie, Vercelli 2004.
Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg

