Tempelanlagen von Karnak - Die südlichen Tempel
Die Hauptachse des Karnak-Tempels ist die Ost-West-Achse, die nach dem Sonnenlauf ausgerichtet ist. Eine andere wichtige Achse ist die Nord-Süd-Achse. Sie zeigt zum einem zum Mut-Tempel südlich des Amun-Komplexes und zum anderen nach Luxor zum dortigen Amun-Tempel.
Zur Nord-Süd-Achse gelangt man, wenn man sich von der Hauptachse abkehrend zwischen dem dritten und vierten Pylon nach Süden wendet. Ein anderer Weg ist, vom großen Haupthof des Karnak-Tempels durch das Bubastiden-Tor (benannt nach den libysch-stämmigen Pharaonen der 22. Dynastie) die Hauptachse zu verlassen und sich dann nach Osten zum Vorhof des siebten Pylons (sogenannter Cachette-Hof) zu begeben. Das Bubastiden-Tor befindet sich zwischen dem Annex-Tempel Ramses’ III. und dem zweiten Pylon.
Die Nord-Süd-Achse besticht weniger durch imposante Säulenhallen und Kioske als vielmehr durch ihre Aneinanderreihung von Pylonen. Der siebte, achte, neunte und zehnte Pylon bilden zusammen mit ihren Höfen eine lange Allee der Torbauten und unterstreichen die Funktion des Prozessionswegs. Viele Bauten in der Tempelstadt von Karnak wirken daher wie Festkulissen, vor denen das große Götterspiel der Prozession aufgeführt wurde. Wir dürfen hierbei nicht vergessen, dass Götterkult auch immer etwas mit Performanz und theatralischen Inszenierungen zu tun hat.
Östlich dieser süd-nord-gerichteten Pylon-Allee liegt der Heilige See und südwestlich dieser Achse der Tempel des Chons und das Heiligtum der Opet.
Die Pylone und Höfe der Nord-Süd-Achse
Von der Ost-West-Ache kommend betritt der Besucher zunächst einen Hof, der zum siebten Pylon gehört. Dieser Hof wird Cachette-Hof genannt. Hier wurden mehrere tausend Statuen gefunden, die in der griechisch-römischen Epoche im Boden vergraben worden waren, vermutlich um Platz für bauliche Veränderungen zu schaffen.
Der siebte Pylon wurde unter Thutmosis III. errichtet. Die Reliefdarstellungen und Hieroglyphentexte erzählen von den militärischen Erfolgen des Königs und zeigen ihn beim kultischen bzw. symbolischen Erschlagen der Feinde. Ein interessantes Detail sind die Listen der Städte und Länder, die der Pharao erobert hatte. Tatsächlich gab es keinen anderen Pharao, der Thutmosis III. an erfolgreichen, militärischen Eroberungszügen übertreffen konnte. Ganz Palästina und Syrien bis hin zum Euphrat und große Teile Nubiens konnten durch eine aggressive Expansionspolitik dem ägyptischen Imperium angegliedert und tributpflichtig gemacht werden. Vor dem siebten Pylon (d.h. an dessen Südseite) standen ursprünglich zwei große Obelisken. Einer wurde im 4. Jahrhundert n. Chr. von Kaiser Konstantin nach Byzanz (Konstantinopel, heute Istanbul) gebracht, wo er noch heute steht.
Der achte Pylon stammt von der Königin Hatschepsut. Vor diesem Pylon steht eine relativ gut erhaltene Figur des Königs Amenophis I.
Der neunte Pylon, der unter Haremhab errichtet wurde, ist schlecht erhalten und zum großen Teil abgetragen. In ihm wurden zahlreiche Steine aus dem Aton-Tempel des Echnaton als Spolien verbaut. Diese Blöcke hat man im Luxor-Museum zusammengefügt und konnte somit eine große Reliefwand der Amarna-Zeit rekonstruieren.
Zwischen dem neunten und dem zehnten Pylon stehen Reste eines Heb-Sed-Heiligtums des Königs Amenophis II. Über eine Rampe gelangt man auf den erhöhten Unterbau der Anlage mit Pfeilersälen. Später hinzugefügte Reliefdekorationen an der östlichen Hofmauer zeigen König Haremhab, wie er asiatische Gefangene vor die Gottheiten Amun, Mut und Chons führt.
Der zehnte Pylon stammt wieder von König Haremhab. Er bildet zusammen mit der an beiden Seiten anschließenden Umfassungsmauer die Grenze und das südliche Eingangtor zum Amunbezirk. Vor der Nordfassade dieses Pylons stehen zwei Kalksteinstauen des Königs Ramses II.
Der Tempel des Chons
Relativ gut erhalten ist der kleine Tempel des Chons, der alle Elemente eines eigenen Tempels aufweist: Einen großen Pylon mit Vertiefungen für die vier Fahnenmasten, die einst hier standen, dahinter ein Säulenhof mit etwas erhöhter Rückhalle, darauf folgend eine Säulenhalle (Hypostyl) mit acht Säulen, gefolgt von einem zentralen Barkensanktuarium und dahinter einem kleinen Viersäulensaal und schließlich, am nördlichem Ende, der heilige Kultbildraum des Gottes Chons und dessen Nebenräume. Von dem Tempelpylon führte ursprünglich eine Sphinxallee direkt zum Luxor-Tempel in die Stadt.
Begründet und errichtet wurde der Chons-Tempel unter Ramses III., zumindest konnte bisher kein Vorgängerbau nachgewiesen werden. Allerdings haben spätere Pharaonen an der Dekoration weitergearbeitet, insbesondere Ramses IV., Ramses XI. und der Priesterkönig Herihor.
Die religiöse Funktion dieses Tempels lag in der Verehrung des Götterkindes der Thebanischen Triade (Götterdreiheit). Chons galt als Sohn des Amun und der Mut.
Opet-Tempel
Im rechten Winkel zum Chons-Tempel stehen die Überreste eines Tempels des Osiris und der Opet, einer nilpferdgestaltigen Göttin, die im Zusammenhang ihrer Rolle als Geburtshelfer- und Hebammengöttin als Mutter des Osiris gedeutet wird.
Am besten erhalten ist der hintere Teil des Tempels, womit der östliche Abschnitt gemeint ist, der an den Pylon des Chons-Tempels stößt. Der Eingang des Opet-Tempels war an der Westseite. Dieser Teil ist hauptsächlich in der griechischen Zeit der Ptolemäer (Ptolemäus VIII. Euergetes II.) entstanden, hat aber seine Wurzeln in der 18. Dynastie (Amenophis II.).
Betritt man den Tempel durch seinen eigentlichen Eingang von Westen, so geht man zuerst durch einen Kiosk des Königs Taharka (25. Dynastie), durchschreitet dann einen Pylon des Königs Nektanebos I. (30. Dynastie). Dann steht man in einem zweigeteilten Hof mit weiterem Kiosk. Über einen Treppenaufgang gelangt man zum höheren Podest mit der Säulenhalle und dahinter dem Allerheiligsten. Im Osten schließen sich eine tiefe Krypta und an der östlichen Außenwand eine Osiris-Kapelle an. Die mythologische Ausdeutung der Anlage ist kompliziert. Götter konnten in bestimmten Aspekten die Wesenzüge anderer Gottheiten annehmen oder mit ihnen verschmelzen. Das Opet-Heiligtum diente der kultischen Begleitung der täglichen Schöpfungserneuerung, nämich der Idee folgend, dass der höchste Gott als Osiris zunächst stirbt, dann in den Körper der Opet-Nut (Nut ist die Himmelsgöttin in deren Leib sich die Götter während der nächtlichen Sonnenfahrt verjüngen) einfährt, sich dort verjüngt und schließlich als Amun-Re wiedergeboren wird, um mit seiner Wiedergeburt auch die Schöpfung des Kosmos zu erneuern.
Der Tempel der Mut (außerhalb des Amun-Komplexes, bedingt zugänglich)
Südlich und außerhalb der Mauern des Amun-Komplexes liegt der Tempelkomplex der Göttin Mut, nach dem ägyptischen Pantheon die Gemahlin des Amun. Man gelangt dorthin, wenn man den zehnten Pylon durchschreitet und entlang der Sphinxallee direkt nach Süden geht. Allerdings sind die Anlagen nicht immer zugänglich. Im Normalfall wird man durch Zaun und Wächter abgehalten.
Die Tempel sind wesentlich schlechter erhalten als die des Amun-Komplexes. Vor den Umfassungsmauern findet der Besucher zu seiner Linken Reste des Kamutef-Heiligtums und zu seiner Rechten die Überreste eines Barkenheiligtums der Hatschepsut. Innerhalb des von der Umfassungsmauer umrahmten Hauptkomplexes stehen in der Mitte der Tempel der Mut, im Norden zwei kleine Tempelchen des Chons und im Süden ein kleiner Tempel von Pharao Ramses III.
Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg
