Tempelinsel von Philae (Teil 2)
Folgend seien die wichtigsten Bauten der Insel beschrieben:
Bauten um den Tempelvorplatz vor dem Isis-Heiligtum
Am südlichen Teil der Insel, vor dem Eingangspylon zum Isis-Tempel gelegen, gibt es einige Bauten, die einen großen Platz umrahmen. Dieser Platz, eine Art Tempelvorplatz ist im Norden vom besagten Pylon des Isis-Tempels und zu den Seiten, d.h. an der westlichen und östlichen Flanke von Säulenkolonnaden begrenzt. Hinter der mehr als neunzig Meter langen westlichen Kolonnade zieht sich befestigungsartiges Mauerwerk, unterbrochen von einzelnen Treppenzugängen zum Nil. Hinter der östlichen Kolonnade verbergen sich die Reste des von Süd nach Nord ausgerichteten Imhotep-Tempels von Ptolemaios V. Epiphanes Eucharistos. Imhotep war ein hoher Amtsträger und Architekt des Alten Reiches, der wegen seiner Weisheit posthum vergöttlicht wurde. In griechisch-römischer Zeit wurde er Asklepios gleichgesetzt. Am südlichen Ende der östliche Kolonnade stehen die Mauerreste des kleinen Tempels des Harensnuphis (Arensnuphis-Dedun), einer autochthonen nubischen Gottheit aus griechisch-römischer Zeit. An ihm wurde unter dem nubisch-meroitischen König Ergames II. (Arqamani) und unter Ptolemaios V. Epiphanes Eucharistos gebaut. Am Süd-Ende des Vorplatzes, am Kai des südlichen Nilufers der Insel gelegen, befinden sich die Überreste einer alten Kapelle von Nektanebos I., einem der ältesten Bauwerke der Insel, von dem noch Mauer- und Säulenreste stehen und an der westlichen Seite die Pflanzensäulen mit Hathor-Köpfen auf den Kapitellen nahezu komplett erhalten sind.
Der Tempel der Isis
Der wichtigste Gebäudekomplex auf Philae ist der Tempel der Isis und des Horuskindes. Er gehört zu den am besten erhaltenen Tempeln Ägyptens. Er geht ursprünglich auf den spätzeitlichen Pharao Nektanebos I. (30. Dynastie) zurück, wobei der Großteil der Bauten allerdings aus der Zeit der Ptolemäer (3. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) stammt. Die Reliefdekorationen des Tempels sind in ihrem Stil typisch ptolemäisch. Allerdings weicht der Tempel in seiner Grundrissarchitektur von den zeitgenössischen Pendants, wie z.B. in Edfu, ab. Auffällig ist der Achsenknick, während sonst die Tempel jener Zeit streng axial ausgerichtet waren. Dies ist sicherlich auf die Gestalt des Inselgeländes zurückzuführen, auf die man bei den Erweiterungen der Heiligtümer Rücksicht nehmen musste.
Der Isis-Tempel hat zwei Pylone (typisch ägyptische Torbauten mit zwei seitlichen Türmen). Der erste Pylon ist 45,5 Meter breit und 18 Meter hoch. Es ist mit großen Reliefdarstellungen dekoriert, die in ihrer Motivik an alte ägyptische Traditionen anknüpfen. So ist am rechten (d.h. östlichen) Tor der Pharao (hier: Ptolemaios XII. Neos Dionysos) in der typischen Feind-Erschlagungs-Pose abgebildet, d.h. es wird gezeigt, wie er eine Gruppe feindlicher Krieger am Schopf gepackt hält und mit einer Keule zum Schlag ausholt. Dieses Motiv ist schon auf Gegenständen der Frühzeit und des Alten Reiches belegt und war im Neuen Reich das typische Motiv auf der Vorderseite der Pylone (vgl. Tempel in Karnak und Luxor). Nach außen war die Botschaft also die Feindabwehr. Außerdem sind noch Kulthandlungen des Königs vor Horus und Nephthys und vor Isis und dem Horuskind dargestellt. Ein ähnliches Darstellungsensemble prankt am linken (westlichen) Torturm. Die Obelisken, die klassischer Weise einst vor dem Pylon standen, sind nicht mehr da. Baulich mit dem östlichen Torturm des ersten Pylons verbunden ist das Tor des Königs Ptolemaios II. Philadelphos.
Geht man durch das Tor des ersten Pylons, gelangt man in den ersten Vorhof. Zu seiner Rechten (d.h. im Osten) sieht man ein Gebäude, das für die Priesterschaft des Tempels bestimmt war. Zu seiner Linken (d.h. im Westen) findet man das Mammisi (Geburtshaus), das Kultgebäude, in dem die Geburt des Götterkindes zelebriert wurde. In diesem Fall geht es natürlich um die Geburt des Horus, dem Kind von Isis und Osirs. Zu dem Mammisi führt auch ein direkter Zugang durch den westlichen Pylonturm des ersten Pylons. Diese architektonische Besonderheit hat vermutlich mit den spezifischen Kultvorgängen und Prozessionsfesten zu tun. Das Mammisi besteht aus einem länglichen Gebäude mit drei hintereinander folgenden Räumen, das von Säulengängen umgeben ist. Das große Thema der unter Ptolemaios VI. Philometor, Augustus und Tiberius angebrachten Reliefdekorationen im Mammisi von Philae sind die Vorgänge rund um die Geburt des Horuskindes durch die Mutter Isis. "Harpokrates" ist der griechische Name der hellenisierten Form des altägyptischen Gottes Horus, dem Götterkind von Isis und Osiris. Allerdings muss man einräumen, dass es im Laufe der ägyptischen Religionsgeschichte für das Horuskind verschiedene Variationen, Gestalten, Funktionen und Namen in unterschiedlichen Götterkonstellationen gab, die sich in vielen Aspekten überschneiden aber nicht identisch sind. In den Hieroglyphentexten im Mammisi von Philae ist jedenfalls von "Hor-pa-chered" die Rede, was soviel wie "Horus, das Kind", also Horuskind bedeutet. Die Texte und Bilder schildern die göttliche Geburt dieses Horuskindes und dessen Jugend in den Schilfdickichten des Nildeltas. Kolonnaden umgeben das Mammisi. Die Säulenschäfte sind mit Doppelkapitellen bekrönt: Auf jedem Pflanzenkapitell ist ein Hathorkopf-Sistrum-Kapitell aufgesetzt. (Ein Sistrum ist ein altägyptisches metallenes Klapperinstrument).
Gegenüber dem Mammisi, auf der östlichen Seite des Hofes gelegen, befinden sich spezielle Räume der Priester, darunter ein Arbeitsraum, ein Gerichtsraum, und eine Bibliothek. Dieser Gebäudeteil wurde unter Ptolemaios VIII. Euergetes II. (Regierungszeit von 145 bis 116 v. Chr.) errichtet.
Im Norden wird der Vorhof vom zweiten Pylon begrenzt. Er ist 12 Meter hoch und 32 Meter breit. Durch den zweite Pylon betritt man den eigentlichen Kern des Isis-Tempels. Zunächst gelangt man in den offenen Tempelhof mit zwei kleinen seitlichen Hallen, dann kommt man in die Vorhalle (Pronaos), in der acht Säulen die Decke tragen. Vom Pronaos gelangt man durch weitere Räume schließlich ins Allerheiligste der Göttin Isis von Philae. Dort steht in der mittleren Kammer noch der Sockel, auf dem einst die Barkensänfte abgestellt wurde. In der linken (westlichen) Seitenkammer ist eine Treppe, die einst auf das Dach des Tempels führte, und von dort aus in eine Kultkapelle für Osiris, deren Reliefs den Tod und die Grablegung desselben Gottes zum Thema haben. Sie ist heute leider nicht mehr zugänglich.
Die Hieroglyphentexte und Reliefdekorationen im Isis-Heiligtum stammen von Ptolemaios II. Philadelphos, Ptolemaios VIII. Euergetes II., Augustus, Tiberius und Antoninus. Die christlichen Symbole und Kreuze, die man an manchen Stellen entdeckt, wurden von den Kopten in byzantinischer Zeit angebracht, als Teile der Räumlichkeiten für christliche Gottesdienstzwecke umfunktioniert worden waren.
Tor des Kaisers Hadrian und Tempel des Harendotes
Westlich des Isistempels stehen am Nilfufer ein Tor des Hadrian (römischer Kaiser von 117 bis 138 n. Ch.) mit gangartigen Vorbau und ein kleiner quadratischer Tempel des Harendotes. Beide Gebäude sind schlecht erhalten. Harendotes ist eine Form des Gottes Horus, der als Rächer oder Schützer seines Vaters Osiris auftritt. Der Tempel steht im Zusammenhang mit dem Osiris-Kult der gegenüber gelegenen Insel Bigga. Auch das Hadrianstor steht, wie man an den Motiven der Reliefdekoration noch erkennen kann, mit dem Osiris-Kult der Nachbar-Insel in Verbindung. Sie waren vermutlich Kultstationen der Isis-Statue auf ihren Prozessionsweg nach Bigga. Die Bilder und Texte beschreiben Einzelszenen aus dem Mythos von Isis und Osiris. Im unteren Bild- und Textregister an der Nordwand findet man übrigens die letzte datierbare Hieroglyphen-Inschrift aus dem Jahr 394 n. Chr. An der Nordwand ist am linken Ende ein berühmtes Einzelmotiv erwähnenswert, dass den Nilgott als Hermaphroditen mit Papyruspflanzen auf dem Kopf zeigt. Er schüttet Wasser aus zwei kleinen Opfergefäßen und ist von einer Schlange kreisförmig umgeben.
Der große Kiosk (Pavillon) des Trajan
Am Ostufer der Insel Philae bzw. Angílkia, direkt an der Kaianlage, an der einst die Barken mit dem Kultbild der Isis anlegten, steht der prächtige Säulen-Kiosk aus römischer Zeit. Er ist etwa 20 Meter lang, 15 Meter breit und rund 15 Meter hoch. Errichtet wurde er während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98 bis 117 n. Chr.), wobei es wohl einen Vorgängerbau des Augustus (Regierungszeit von 27 v. bis 14 n. Chr.) gab. Die Reliefdekoration blieb zwar unvollendet, umso beeindruckender ist dagegen die Architektur mit den detailreich ausgestalteten Komposit- und Pflanzenkapitellen der 14 Säulen. Hier zeigt sich deutlich, wie sehr die ägyptische Kunst von den Römern respektiert wurde. Während im ganzen Mittelmeerraum, von Spanien bis Syrien, die römischen Städte und Tempel im Stil der klassischen Antike errichtet wurden, ahmten in Ägypten die römischen Kaiser die Baukunst der Pharaonen nach. Die Funktion des Kiosks entspricht den Barkensanktuarien und Stationsheiligtümern der früheren Zeiten. Hier pausierte der feierliche Prozessionszug für besondere Kulthandlungen. Beim heiligen Prozessionszug des Isis-Kultes auf Philae ging es in erster Linie um ihren rituellen Besuch des Kultgrabes des Osiris auf der großen Nachbarinsel Bigga/Bigge.
Tempel der Hathor
Nur wenige Meter östlich des großen Isis-Tempels steht ein kleines Heiligtum der Göttin Hathor-Aphrodite. Die Gliederung der Tempelbereiche ist streng axial von West nach Ost ausgerichtet. Der Tempel besteht aus einem Vorhof (Pronaos) mit zehn Säulen, einer äußeren Halle, einer inneren Halle und dem Allerheiligsten am Ostende. Der Bau stammt von Ptolemaios VI. Philometor und Ptolemaios VIII. Euergetes II. Die Reliefausschmückung ist aus der Zeit der römischen Kaiser Augustus und Tiberius und thematisiert unter anderem den Mythos um die Heimkehr der Göttin Hathor aus Nubien nach Ägypten. Sie hatte als Tochter des Sonnengottes Re das Land im Zorn verlassen und wird bei ihrer Rückkehr in ihrem Zorn besänftigt und findet ihre Lebensfreude bei Musik und Tanz wieder. Pittoreske und bizarre Motive in der Reliefdekoration thematisieren dieses mythologische Ereignis. Neben Musikern mit Harfen und Flöten sind auch tanzende und musizierende Affen und der fratzengestaltige zwergenhafte Gott Bes mit Musikinstrumenten dargestellt.
Auswahl weiterführender Literatur:
- Bénédite, G., Le temple de Philae, Paris 1893-1895.
- Bonnet, Hans, „Philae“, in: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte, Hamburg 2000, S. 592–594.
- Haeny, Gerhart, “A short architectural history of Philae”, in: Bulletin de l’Institute français d’Archéologie orientale (le Caire) 58 (1985), S. 197 – 233.
- Junker, Herman, Der große Pylon des Tempels des Isis in Philae, Wien 1958.
- Lyons, H.B., A Report in the Island and Temples of Philae, Kairo 1908.
- Magi, Giovanna, Assuan, Philae, Abu Simbel, Florenz 1992.
- Siliotti, Alberto, Aswan (Egypt Pocket Guides), Kairo 2001.
- Vassilika, Eleni, Ptolemaic Philae, Löwen 1989.
- Winter, Erich, „Philae“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band IV, Sp. 1022-1027.
Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg

