Nilinsel Elephantine (Teil 3)
Hier lesen Sie nochmal Teil 1 Nilinsel Elephantine bei Assuan.
Neben den umfangreichen Ruinen und Siedlungsresten der antiken Stadt sind besonders die Heiligtümer sehenswert, die in ihrer Entwicklungsgeschichte hervorragend dokumentiert sind.
Der Tempel der Satet (Satis)
Die Tempel aus dem alten Ägypten sind in den seltensten Fällen das Resultat einer architektonischen Einzelleistung, entworfen und ausgeführt durch ein und dieselbe Hand. Vielmehr haben die meisten Heiligtümer eine lange Entwicklungsgeschichte, die auf Jahrtausende alte Kulttraditionen und eine Ahnenreihe von Vorgängerbauten zurückweist.
Zu Beginn noch kleine Heiligtümer oder Kapellen, wurden sie im Laufe der Jahrhunderte ausgebaut, erweitert und umgebaut, bis sie zu bedeutenden Tempelanlagen herangewachsen waren, die wir heute besichtigen können. Selten lässt sich jedoch die Entwicklungsgeschichte eines Tempels exakt verfolgen und rekonstruieren. Im Falle des Satet-Tempels auf Elephantine ist das Außergewöhnliche gelungen. Man hat es nicht nur geschafft, die Baugeschichte eines Tempels von seinen prähistorischen Anfängen bis in die griechisch-römische Zeit zu erforschen und zu rekonstruieren, sondern man war sogar in der Lage, die Entwicklung für den Besucher sichtbar zu machen. Den Bemühungen des Deutschen Archäologischen Instituts ist es zu verdanken, dass Rekonstruktionen verschiedener Entwicklungsphasen, die man sonst nur, wenn überhaupt, übereinander vorfindet, nebeneinander aufgestellt wurden. Nach mustergültiger archäologischer und bauhistorischer Erforschung wurden Rekonstruktionen einzelner Bauphasen errichtet: Der Satet-Tempel der ptolemäisch-römischen Zeit, der 18. Dynastie, der 11. Dynastie, der 12. Dynastie und der Satet-Tempel der 6. Dynastie. Für jede Rekonstruktion wurden soviel originale Baublöcke wie möglich verwendet. Was sich der Besucher bei seiner Besichtigung vergegenwärtigen muss, ist dass die Baublöcke der älteren Bauten als Spolien zur Errichtung der neueren wieder verwendet worden waren. Beim Abtragen und archäologischem „Sezieren“ eines Bauwerkes kamen daher stets auch Baublöcke der Vorgängerbauten zum Vorschein, die Rückschlüsse über die Bauentwicklung gaben.
Da die Rekonstruktionen der verschiedenen Bauphasen des Satet-Heiligtums nicht übereinander gestellt werden konnten, befinden sich nur die Rekonstruktionen des Satet-Heiligtums aus der 6. Dynastie und der 18. Dynastie an originaler Stelle. Das frühe Heiligtum des Alten Reiches geht auf die natürliche Felsformation eines heiligen Ortes zurück. Dort, wo drei Granitfelsen aufeinander stoßen, war ein Strudelloch, aus dem bei Anstieg der Nilflut Wasser quirlte. Vermutlich wurde dieser Ort als eine Art Quellenheiligtum angesehen. Spätestens zu Beginn des dritten Jahrtausends v. Chr. entstand am Quellenheiligtum eine Lehmziegelhütte, der später ein Vorhof angefügt wurde. Dann, im Verlauf des Alten Reiches, wurden das Ziegelheiligtum und die Mauer des Vorhofes erneuert und verstärkt, der Eingang zum Allerheiligsten versetzt. Heute ist das Heiligtum des Alten Reiches von einer stabilen modernen Betondecke überdacht, auf der die beeindruckende Rekonstruktion des Tempels der 18. Dynastie steht. Dieser Sandsteintempel der Königin Hatschepsut war bereits soweit oberhalb der Granitfelsen errichtet worden, dass die natürliche Felsformation, die der Ursprung des Heiligtums war, zu jener Zeit nicht mehr erkennbar war. Der Tempel der 18. Dynastie ist von einem charakteristischen Pfeilerumgang umgeben, einer typischen Architekturform der 18. Dynastie. Man betritt im Innern des Tempels zunächst einen Zweipfeilersaal. Die Reliefs zeigen Darstellungen der Gottheiten Satet (Satis, erkennbar an hoher Krone mit Antilopenhörnern), Chnum (erkennbar am Widderkopf) und Anuket (Anukis, erkennbar an der Federkrone). Die Dekorationen stammen aus der Zeit Hatschepsuts und wurden zum Teil unter Thutmosis III. verändert. In seinem Grundriss wird die Idee des Quellenheiligtums insofern aufgegriffen, als dass vom Allerheiligsten keine gerade Zugangsachse vom Tempeleingang besteht, sondern die zentrale Kultstätte durch Seitenkorridore von hinten betreten wird. Dabei liegt das Allerheiligste direkt über dem Ort des alten Felsenheiligtums.
Nur wenige Meter nördlich des Satet-Tempels aus der 18. Dynastie stehen die Rekonstruktionen der beiden Vorgängertempel aus dem Mittleren Reich, und zwar von Sesotris I. (12. Dynastie) und von Mentuhotep II. Nebhapetre (11. Dynastie). Neben dem Satet-Tempel des Mentuhotep hat man die Kapellen der Könige Intef II. und Intef III. neu aufgestellt, die ursprünglich ebenfalls aus dem alten Satet-Heiligtum stammen.
Die jüngste Version des Satet-Tempels ist der Bau aus ptolemäisch-römischer Zeit. Obwohl er imposanter und mächtiger als alle seine Vorgängerbauten war, ist nur wenig von ihm erhalten geblieben. Um Informationen zu den älteren Vorgängerbauten zu bekommen, wurden seine Baureste einschließlich des Fundamentes abgetragen. Anhand einiger Bauelemente, die südöstlich des Baus der 18. Dynastie aufgestellt sind, kann man die ursprüngliche Größe erahnen.
Zum Satet-Tempel gehört der berühmte Nilometer von Elephantine, eine Treppe zum Nilufer, an deren Wänden die Markierungen und Messskalen zur Ermittlung des Nilflutpegels angebracht sind. Je höher die Flut, die gemessen wurde, desto größere landwirtschaftliche Ernteerträge waren zu erwarten und desto mehr Steuern konnten eingetrieben werden. Allerdings ist der Nilstandmesser des Satet-Tempels nicht der einzige auf Elephantine. Auch der Chnum-Tempel hatte seinen eigenen Nilometer.
Tempel des Chnum
Neben dem Satet-Tempel war der Tempel des widderköpfigen Gottes Chnum das bedeutendste Heiligtum auf der Insel. Chnum galt seit dem Neuen Reich als Schutzgott der Insel Elephantine und der Gegend des ersten Kataraktes. Auch als Schöpfergott wurde er verehrt: Entsprechend einer mythologischen Schöpfungsversion schuf er den Menschen aus Ton auf einer Töpferscheibe. Zusammen mit der Antilopengöttin Satet (Satis) und deren Tochter Anuket (Anukis) bildete er die Göttertriade von Elephantine.
Die noch erhaltenen Ruinen und Fundamente seines gewaltigen Tempels stammen zum großen Teil aus der Spätzeit und aus der ptolemäischen Zeit. In der Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. wurde unter Nektanebos II. (30. Dynastie), dem letzten einheimischen Pharao vor der hellenistischen Epoche der Ptolemäer, mit dem Neubau des monumentalen Tempels begonnen. Er ließ ein 28 Meter breites und 42 Meter langes Bauwerk errichten, in dessen Zentrum die drei Schreine der Göttertriade von Elephantine standen. Heute präsentiert sich dieser Bereich dem Besucher als gewaltige Trümmergrube, aus der zwischen all den Baublöcken noch ein gewaltiger eingesunkener Naos aus Rosengranit hervorragt. Unter Ptolemaios VI. und Ptolemaios VIII. wurde der Tempel durch einen Pronaos, eine Vorhalle mit sechs Säulen, nach vorn erweitert. In spätptolemäischer und römischer Zeit wurde der Tempel noch weiter nach vorn erweitert und erhielt einen großen Vorhof mit Säulenumgang und einen mächtigen Pylonbau. Der Pylon soll rund 45 Meter breit und 18 Meter hoch gewesen sein. Die Vorgängerbauten des Chnum-Tempels gehen bis ins Mittlere Reich zurück. Damit ist seine Bautradition weniger alt als jene des Satet-Tempels. Anhand von Spolien und einzelnen Bauteilen und Ergebnissen von Fundamentgrabungen ließen sich Erkenntnisse über das Aussehen und den Grundriss des Vorgängerbaus, des älteren Chnum-Tempels aus der Zeit des Neuen Reiches gewinnen.
Heiligtum des Heqaib
Im Zentrum der Stadt, an der bedeutendsten Straße gelegen und umgeben von den ausgegrabenen Wohnhäusern aus der Zeit des Mittleren Reiches, wurde ein außergewöhnliches Heiligtum freigelegt. Es handelt sich um den kleinen Provinztempel des Ortsheiligen von Elephantine und Schutzpatrons der Nubien-Expeditionen: Heqaib Pepinacht. Er war gegen Ende des Alten Reiches Stadtgouverneur von Elephantine und hatte sich offensichtlich während seiner Amtszeit einen guten Ruf erworben. Jedenfalls wurde ihm posthum ein kleines Heiligtum geweiht, das im Mittleren Reich ausgebaut wurde. Verschiedene wichtige Persönlichkeiten der Region errichteten Kapellen innerhalb des Heiligtums oder stellten zumindest Statuen und Stelen mit ihren Namen auf, um als fromme Stifter des Heqaib-Kultes erinnert zu werden. Der ausgegrabene und zum Teil restaurierte Zustand des Heiligtums gibt den Zustand zur Zeit der 12. Dynastie (Mittleres Reich) wieder. Viele Objekte, die im Heiligtum des vergöttlichten Heqaib gefunden wurden, sind im Museum von Elephantine und im Nubien-Museum von Assuan ausgestellt.
Älterer Tempel von Kalabscha und Tor von Ajula
Ganz im Süden von Elephantine befindet sich ein Bau, der eigentlich gar nicht auf diese Insel gehört. Bei der Versetzung des großen römerzeitlichen Mandulis-Tempels von Kalabschba 1961 bis 1963 entdeckten die deutschen Archäologen und Ingenieure im Fundament als Spolien wieder verwendete Bauteile eines älteren Tempels. Es handelte sich um Reste eines kleineren Vorgängertempels aus ptolemäischer Zeit, errichtet von dem nubisch-meroitischen König Ergamenes II. (nubischer Name: Arqamani, um 200 v. Chr.) und in der Dekoration ergänzt unter dem ägyptischen König Ptolemaios IX. und dem römischen Kaiser Augustus. Dieser kleine Vorgängerbau des Kalabscha-Tempels wurde 1972 rekonstruiert und an der Südspitze von Elephantine neu errichtet, weil Kalabscha zum Schutze des Assuan-Hochdammes zeitweise militärisches Sperrgebiet und daher unzugänglich war. Der kleine Torbau dieses Tempels wurde im Museum von Berlin (damals West-Berlin) aufgestellt.
Ebenfalls zu einem nubischen Mandulis-Tempel aus römischer Zeit gehörte das Tor von Ajula, das schon um 1900 von seinem Ursprungsort, einem Ruinenfeld 7 km südlich von Kalabscha, nach Elephantine gebrachte wurde. Dort wurde es 1988, nur wenige Meter von der Kalabscha-Kapelle entfernt, neu aufgebaut.
Auswahl weiterführender Literatur:
- Bommas, Martin, Der Tempel des Chnum der 18. Dyn. auf Elephantine (Dissertation), Heidelberg 2003.
- Dreyer, Günter, Der Tempel der Satet. Die Funde der Frühzeit und des Alten Reiches (Elephantine Bd. VIII., Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 39 ), Mainz 1986.
- Franke, Detlef, Das Heiligtum des Heqaib auf Elephantine (Studien zur Archäologie und Geschichte Ägyptens, Band 9), Heidelberg 1994.
- Habachi, Labib, The Sanctuary of Heqaib (Elephantine Bd. IV, Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 33), 2 Bde., Mainz 1985.
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- Jaritz, Horst, Die Terrassen vor den Tempeln des Chnum und der Satet (Elephantine Bd. III., Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 32), Mainz 1980.
- Kraeling, Emil G., The Brooklyn Museum Aramaic Papyri, New Haven 1953.
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- von Pilgrim, Cornelius, Untersuchungen in der Stadt des Mittleren Reiches und der Zweiten Zwischenzeit (Elephantine Bd. XVIII, Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 91), Mainz 1996.
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- Porten, Bezalel, Archives from Elephantine: The Life of an Ancient Jewish Military Colony, Berkeley 1968.
- Porten, Bezalel (et al.), The Elephantine Papyri in English: Three Millennia of Cross-Cultural Continuity and Change. Leiden 1996.
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- Seidlmayer, Stephan, Gräberfelder aus dem Übergang vom Alten zum Mittleren Reich (Studien zur Archäologie und Geschichte Ägyptens, Band 1), Heidelberg 1990.
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- Valbelle, Dominique, Satis et Anoukis (Sonderschriften des Deutschen Archäologischen Instituts 8), Mainz 1981.
- Valbelle, Dominique, „Satet“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Sp. 487 f.
- Ziermann, Martin, Befestigungsanlagen und Stadtentwicklung in der Frühzeit und im frühen Alten Reich (Elephantine Bd. XVI., Archäologische Veröffentlichungen, DAI Kairo, Nr. 87), Mainz 1993.
Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg



