Nilinsel Elephantine - Einführung

Die pittoreske Felseninsel Elephantine (auf Arabisch heute „Geziret Aswan“ genannt) gegenüber der City von Assuan ist ein archäologisches Kleinod Südägyptens. Nirgendwo sonst in Ägypten konnten sowohl die mehrtausendjährige Siedlungsgeschichte einer antiken Stadt als auch die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte von Heiligtümern und Tempeln aus der Zeit der Pharaonen besser dokumentiert werden als auf dieser Nilinsel.

Panorama von Elephantine
Panorama von Elephantine

Dies ist einem archäologischen Glücksfall zu verdanken. Normalerweise liegen die meisten Städte im fruchtbaren Schwemmland der Flussebene. Viele alte Siedlungshügel wurden dementsprechend oft von der jährlichen Nilschwemme, Flussbettverlagerungen oder landwirtschaftlichen Flurbereinigungen zerstört. Manche antike Siedlungen wurden von der ländlichen Bevölkerung komplett abgetragen, weil die Nilschlammziegel der alten Häuser zu Düngemittel verarbeitet werden konnten. Andere antike Städte können archäologisch nicht vollständig erforscht, geschweige ausgegraben werden, weil sie schlichtweg unterhalb der Bebauung moderner Städte liegen. Nicht so auf Elephantine.

Auf dem Grabungsgelände von Elephantine
Auf dem Grabungsgelände von Elephantine
Ausgrabungen auf dem Siedlungshügel von Elephantine
Ausgrabungen auf dem Siedlungshügel von Elephantine

Wegen des hohen Bodenniveaus waren die historischen Baudenkmäler und Siedlungsschichten auf der Nilinsel weder von den hohen Nilfluten der Vergangenheit noch vom staudammbedingten Grundwasserspiegelanstieg der Moderne gefährdet. Zudem schützen Granitfelsen die Inselufer vor der Bodenerosion durch die Flussströmung. Der eigentliche Siedlungsruinenhügel (arab. „Tell“ bzw. ägyptisch-arabisch „Kom“ genannt) am Süd-Ende der Insel besteht aus bis zu 12 Meter hoch übereinander gelagerten Besiedlungs- und Baufundamentschichten, die von der prähistorischen Zeit bis in die frühislamische Epoche reichen. Das entspricht einem Zeitraum von weit mehr als viertausend Jahren. Zu den umfangreichen Besiedlungsspuren und Ruinen gehört ein breites Spektrum von unterschiedlichen Bauresten: Tempelanlagen, Wirtschaftsgebäude, Vorratsspeicher, Wohnquartiere, Straßen, Stadtbefestigungsanlagen, Torbauten, Verwaltungsbauten, Kaianlagen, Gräberfelder, zwei Nilometer und sogar eine kleine Pyramide aus dem Alten Reich. Aus der Spätzeit konnten spärliche Reste eines jüdisch-aramäischen Tempels und aus byzantinischer Zeit Überreste koptischer Kirchenbauten identifiziert werden. Im späten Mittelalter endete die Besiedlung des südlichen Teils der Insel, sodass die antike Siedlung nicht von modernen bewohnten Häusern überbaut ist.

Die vorbildliche archäologische Erforschung und Dokumentation von Elephantine ist insbesondere dem Deutschen Archäologischen Institut und dem Schweizerischen Institut für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde zu verdanken, die in enger Kooperation seit einigen Jahrzehnten dort tätig sind. Durch die bauhistorischen Rekonstruktionen einiger Abschnitte und Errichtung eines archäologischen Lehrpfades wird auch dem historisch interessierten Publikum die Grabungsstätte zugänglich gemacht. Wichtige Fundstücke sind im nebenstehenden Museum ausgestellt.

Blick auf den Komabbruch von Elephantine
Blick auf den Komabbruch von Elephantine
Häuser im nubischen Dorf auf Elephantine
Häuser im nubischen Dorf auf Elephantine

Am südlichen Ende hat der Siedlungshügel eine fast 12 Meter hohe Abbruchkante. Sie entstand durch die bäuerlichen Sebachin, die in den letzten Jahrhunderten wie in einem Steinbruch die Lehmziegel massenweise aus dem Kom (Tell) herausbrachen und abtransportierten, um daraus Düngererde zu gewinnen. Von Süden gesehen, kann man an der dadurch entstandenen Abbruchwand nahezu die gesamten Siedlungsschichten der Stadt, von der Frühzeit bis zur byzantinischen Zeit, übereinander geschichtet sehen, gleichsam wie geologische Sedimentablagerungen in einer natürlichen Felsformation.

Nördlich des Ausgrabungsgeländes liegen zwei nubische Dörfer, deren Häuser zum Teil noch in traditioneller Bauweise aus Lehmziegeln errichtet worden sind. Beim Spaziergang durch diese Dörfer lässt sich erahnen, wie die Wohnungen und Gassen in der antiken Stadt ausgesehen haben könnten. Umgeben sind die Dörfer von Palmenhainen, Gärten und Anbauflächen. An der Nordspitze der Insel erhebt sich eine monumentale Hotelanlage.

Die Insel erstreckt sich über eine Länge von 1200 Metern und ist in der Mitte etwa 400 Meter breit. Die Inselform Elephantines hat sich im Laufe der Jahrtausende verändert. Tatsächlich bestand Elephantine zunächst aus mehren kleinen Inseln, die teils durch natürliche Sedimentierung und andernteils durch künstliche Aufschüttungen zusammenwuchsen. Bereits in frühdynastischer Zeit bzw. spätestens im Alten Reich hatte Elephantine mehr oder weniger das heutige Flächenausmaß erreicht.

Stadttor von Elephantine aus dem frühen Alten Reich
Stadttor von Elephantine aus dem frühen Alten Reich

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg