Giza (Teil 3) – Die Pyramidenkomplexe des Chephren und Mykerinos

Neben der großen Pyramide stehen noch die zwei Pyramiden des Chephren und Mykerinos mit ihren Anbauten und Satellitenpyramiden, sowie die große Sphinx, die nach Osten ausgerichtet das Niltal überblickt. 

Die Pyramidenanlage des Chephren (Altes Reich, 4. Dynastie, um 2530 v. Chr.)

Die Pyramide des Chephren (Khaphre) wirkt größer als die des Cheops. Dies liegt daran, dass sie auf einem höher gelegenen Abschnitt des Felsplateaus errichtet wurde. Das Besondere an dieser Pyramide ist die gut erhaltene Verkleidung an ihrer Spitze. Sie führt vor Augen, dass früher alle Pyramiden mit glattem Kaltstein verkleidet waren. Das poröse, stufenförmige Aussehen von heute verdanken die Pyramiden dem Raubbau während des Mittelalters. In dieser Zeit wurden die Bauten der Pharaonen als Steinbrüche missbraucht. Viele Moscheen und Paläste Kairos wurden mit dem Steinmaterial der Pyramiden erbaut.

Chephrenpyramide in Gizeh
Chephrenpyramide in Gizeh

Ursprünglich war die Pyramide rund 143 Meter hoch und hatte eine Basislänge von 215 Metern. Heute ist sie noch 136 Meter hoch. Rund 1,6 Millionen Kubikmeter Stein wurden verbaut, um dieses Wunderwerk zu schaffen. Im Innern ist das System der Gänge und Kammern wesentlich einfacher als bei der Cheopspyramide. Zwei Eingänge führen zu zwei abfallenden Gängen. Der untere Gang steigt nach  der Hälfte der Wegstrecke auf und stößt auf den anderen, sodass sich beide zu einem Hauptgang vereinigen. Dieser Hauptgang führt ebenerdig zur Grabkammer. Vom unteren Gang zweigt noch eine Nebenkammer ab, die unvollendet blieb und in ihrer Funktion ungeklärt ist. Die Decken der Kammern haben die Form eines Giebeldaches.

An der Ostseite der Chephrenpyramide liegt der Totentempel. Er ist mit rund 110 Metern Länge wesentlich größer und komplexer als der des Cheops. Von der Anlage sind nur Stümpfe der Grundmauern erhalten. Noch heute klar erkennbar sind der große Hof in der Mitte und die fünf Nischenkammern, die als Sanktuarienräume für die Kultbarken des Königs dienten. Vom Totentempel führt der 494 Meter lange Aufwege zum Taltempel. Der Taltempel ist im Gegensatz zum Totentempel noch recht gut erhalten. Imposant ist die zentrale, T-förmige Halle mit 16 monolithischen Granitpfeilern. In seiner äußeren Form ist der 45 mal 45 Meter messende Tempel völlig quadratisch. Er hat drei Eingänge: zwei im Osten und einen im Nordwesten, der direkt auf den Aufweg führt. In einem Schacht in der quer liegenden Vorhalle wurde die berühmte, grüne Sitzstatue des Chephren gefunden, die heute im Museum von Kairo steht. 

Die Pyramidenanlage des Mykerinos (Altes Reich, 4. Dynastie, um 2500 v. Chr.)

Gang in der Chephrenpyramide in Gizeh
Gang in der Chephrenpyramide in Gizeh
Pfeiler im Taltempel des Chephren
Pfeiler im Taltempel des Chephren

Die Pyramide des Mykerinos ist mit etwa 66 Metern Höhe die kleinste der drei Königspyramiden von Giza. Sie ist nicht einmal halb so hoch wie die Pyramide des Chephren oder Cheops. Ihr Kern besteht aus Kalksteinblöcken aus dem lokalen Steinbruch, der unmittelbar vor dem Pyramidenplateau liegt. Ihre Verkleidung war zweigeteilt. Im Bereich der unteren 15 Meter bestand sie aus hartem Rosengranit. Der obere Bereich war mit hellem Kalkstein verkleidet, der vermutlich aus den Steinbrüchen von der anderen Seite des Niltals stammt. Wegen der unterschiedlichen Verkleidung leuchtete im Altertum der untere Bereich rötlich und der obere hellweiß. Dies erinnert natürlich an die Farben der ägyptischen Doppelkrone: die Rote Krone für Unterägypten (Delta) und die Weiße Krone für Oberägypten (Niltal). Der Eingang ins Innere der Pyramide ist etwa vier Meter über der Erde. Das Gang- und Kammersystem der Mykerinos-Pyramide ist komplexer als das der Chephren-Pyramide. Dies ist vielleicht mit veränderten Konstruktionsplänen während der unterschiedlichen Bauphasen zu erklären. Es gibt zunächst einen absteigenden Gang, der in den Fels unterhalb der Pyramide führt. Sobald der Gang wieder ebenerdig verläuft, gelangt man in eine erste Kammer. Hinter dieser Gangkammer setzt sich der Gang ebenerdig fort. Direkt hinter der Kammer sind noch drei Vorrichtungen für Fallsteine zum Verschließen des inneren Bereichs. Nach einigen weiteren Metern stößt man auf eine quer gelagerte Vorkammer. Von dieser zweigt nach unten ein Gang zur Grabkammer ab, mit einer weiteren Abzweigung zu einer Nischenkammer. Außerdem gibt es etwas erhöht eine Öffnung, die zu einem weiteren Gang führt, der wieder nach oben weist, dann aber im Innern der Pyramide endet. Wahrscheinlich handelt es sich hierbei um die ursprünglich geplante Version des Eingangs, die im Zuge der Bauplan-Änderung aufgegeben wurde. An der Nordflanke der Pyramidenoberfläche klafft eine große Lücke. Dies ist eine Bresche, die Grabräuber in mameluckischer Zeit geschlagen haben, um in das Innere der Pyramide zu gelangen. Sie schlugen auch einen Grabräubergang bis zum Zentrum der Pyramide, wo er blind endet, da die gesuchten Kammern unterhalb der Pyramide im anstehenden Felsgrund liegen. An der südlichen Flanke der Mykerinos-Pyramide stehen noch drei kleine Pyramiden, bei denen es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Königinnenpyramiden handelt. Pharao Mykerinos hatte mehrere Gemahlinnen.

An der Ostflanke der Mykerinos-Pyramide liegt der Totentempel des Königs. Von ihm sind heute noch Reste des Fundamentes und des anstehenden Mauerwerks erkennbar. Von Osten nach Westen  besteht er aus einer langen, schmalen Vorhalle, die zu einem großen, offenen, rechteckigen Hof führt. Vom Hof gelangt man in einen Portikus mit sechs Pfeilern und von dort in einen länglichen Totenopfersaal. Seitlich zweigen vom Portikus Gänge ab, von denen der nördliche zu weiteren Kulträumen an der Pyramidenflanke führt. Nach Osten führt ein mehr als 600 Meter langer Aufweg von der Pyramide und ihrem Totentempel direkt zum Taltempel vor dem Pyramidenplateau. Im Taltempel wurden 1908 (von der Harvard-Expedition unter der Leitung von G.A. Reisner) Statuen aus grauschwarzem Schiefer gefunden, die den König in Begleitung von Göttinnen zeigen. Die Statuen stehen heute im Museum in Kairo und im Museum in Boston.

Die große Sphinx von Giza (Altes Reich, 4. Dynastie, um 2530 v. Chr.)

Sphinx wir restauriert.
Sphinx wir restauriert.

Die wohl berühmteste und größte Kolossalstatue des alten Ägypten ist über siebzig Meter lang (inklusive Vordertatzen) und etwa zwanzig Meter hoch. Sie wurde aus dem anstehenden Kalksteinfels gemeißelt. Wetterbedingte Erosion haben dem Bauwerk stark geschadet, weshalb immer wieder Restaurierungsarbeiten vorgenommen wurden und mit Steinblöcken, insbesondere im unteren Bereich und an den Vorderbeinen, nachgemauert wurde, um die gewünschte Form zu erhalten. Schon zur Zeit der Pharaonen wurde mit ersten Restaurierungsarbeiten begonnen. Heute werden von der ägyptischen Altertümerverwaltung regelmäßig Maßnahmen zur Restaurierung und Pflege der Bausubstanz veranlasst. Dies hat zur Folge, dass Touristen Teile der Sphinx nicht selten hinter Baugerüsten sehen. In der Antike und im Mittelalter war die Sphinx mehrfach vom Treibsand der Wüste zugeweht, so dass nur Hals und Kopf heraus guckten. Die erste Erwähnung einer „archäologischen“ Ausgrabung stammt von Pharao Thutmosis IV. (18. Dynastie, um 1390 v. Chr.). Der Hieroglyphentext auf einer zwischen den Vordertatzen der Sphinx aufgestellten Inschriftenstele berichtet, wie er einst als Jüngling von der Wüstenjagd kam und im Schatten der Sphinx Rast suchte. Im Schlaf habe die Sphinx zu ihm gesprochen und ihm das Königtum versprochen, falls er ihren halb zugewehten Körper von Sande befreite. Auch unter den Pharaonen Sethos I. und Ramses II. oder unter den römischen Kaisern Marcus Aurelius und Septimus Severus gab es Reinigungs- und Restaurationsbemühungen. Nur im islamischen Mittelalter fand niemand ausreichend Motivation, für die Erhaltung der Sphinx zu sorgen. 

Die Sphinx von Giza
Die Sphinx von Giza

Auch wenn es allerlei Spekulationen um Alter, Sinn und Funktion der Sphinx gibt, so sind sich die meisten Ägyptologen einig, dass sie aus der Zeit entweder des Cheops oder des Chephren stammt, da sie nicht weit von Rand der Kalksteinbrüche steht, wo das Grundmaterial für den Pyramidenbau gewonnen wurde. Ursprünglich trug sie auch einen Götterbart, dessen abgebrochene Reste 1816 gefunden wurden und die heute im Britischen Museum in London aufbewahrt werden. Es ist aber wahrscheinlich, dass der Götterbart im Neuen Reich nachträglich angefügt wurde. Ob es sich eher um ein Abbild des Cheops oder mehr des Chephren handelt oder schlicht um eine Wächterfigur der Nekropole, ist noch nicht vollständig geklärt. Aber eine wesentlich frühere oder spätere Datierung scheint ausgeschlossen.

Vor der Sphinx entdeckte man einen Kalksteintempel, der direkt neben dem Taltempel des Chephren liegt. Allerdings scheint es zwischen den beiden Tempeln keine bauliche Verbindung zu geben. In der Mitte des Tempels befand sich ein Hof, der allseitig von Pfeilern und Königsstatuen umgeben war. In der Mitte des Hofes stand ein Opferaltar. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich um ein Heiligtum zur Verehrung der Sphinx oder der Sonne gehandelt hat. Nordöstlich der Sphinx steht noch ein kleines Kultgebäude von Amenophis II. (Neues Reich, 18. Dynastie, um 1400 v. Chr.). Im Neuen Reich galt die Sphinx als steinernes Abbild des Gottes Harmachis („Horus am Horizont“).

Von den Ägyptern wird die Sphinx auf Arabisch „Abu el-Hol“ genannt, was soviel wie „Vater des Schreckens“ bedeutet. Für viele ortansässige Menschen und die Bauern der nahe liegenden Dörfer mag sie etwas Unheimliches ausgestrahlt haben. Für die europäischen Reisenden der letzten Jahrhunderte war sie immer wieder Symbol für das geheimnisvolle Ägypten.

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Edwards, I.E.S., The Pyramids of Egypt, London 1972.
  • Fakhry, Ahmed, The Pyramids, Chicago und London 1969.
  • Jánosi, Peter, Die Pyramiden: Mythos und Archäologie, München 2004.
  • Lauer, Jean-Philippe Lauer, Das Geheimnis der Pyramiden: Baukunst und Technik, München 1983.
  • Lehner, Mark, The Complete Pyramids, London 1997.
  • Schüssler, Karl-Heinz, Die ägyptischen Pyramiden: Erforschung, Baugeschichte und Bedeutung, Köln 1987.
  • Stadelmann, Rainer, Die ägyptischen Pyramiden: vom Ziegelbau zum Weltwunder, Mainz 1991.
  • Reisner, George Andrew, Mycerinus: The Temples of the Third Pyramid at Giza, Cambridge/ Mass. 1931.
  • Reisner, George Andrew, A History of the Giza Necropolis, Vol. I – II, Cambridge/ Mass. 1942-1955.
  • Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Ägyptische Pyramiden – Monumente für die Ewigkeit, Köln 2004.
  • Verner, Miroslav, Die Pyramiden, Reinbek 1999.
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Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg