Geschichte von Theben

Im Mittelalter war Luxor ein unbedeutendes Städtchen. Erst mit der Wiederentdeckung des Altertums durch die archäologische Erforschung der Tempel und Gräber wurde Luxor ein weltbekannter Ort. Es ist daher auch die Geschichte des ägyptischen Altertums, die bei einer Besichtigung Luxors im Vordergrund steht – ganz im Gegensatz zum Großraum von Kairo, wo, von den Pyramiden bis zu den Palästen der Khediven, alle Perioden der Weltgeschichte ihre monumentalen Denkmälern hinterlassen haben. Luxor steht dagegen im Schatten des alten Theben.

Theben war eine Stadt und ein Gau, eine Provinz, die im alten Ägypten „Waset“ genannt wurde. Der Name konnte sich also sowohl auf die Provinz als auch auf die Stadt selbst beziehen. Manchmal wurde sie auch als „Waset nechtet“ – „siegreiches Theben“ bezeichnet. Da Theben die größte Stadt des südlichen Ägypten war, wurde sie gelegentlich „niut reset“ – „südliche Stadt“ genannt. Den Namen „Theben“ erhielt die Stadt zwar von den Griechen, die fremdländische Städte gerne mit den ihren verglichen und ihnen griechische Namen gaben. Doch darf Theben natürlich nicht mit der namensgleichen griechischen Stadt in Böotien verwechselt werden Vom „hunderttorigen Theben“ sprach übrigens schon Homer. Damit deutete er auf die vielen Pylone hin, die Tor-Türme der Tempel, die das Stadtbild bestimmten. Da der Stadtgott von Theben, Amun, vom den Griechen mit Zeus gleichgesetzt wurde, nannte die Griechen Theben auch „Diospolis“ – Stadt des Zeus.

Aus der Zeit des Alten Reiches ist nur wenig erhalten. Man weiß, dass es schon während der Frühdynastischen Zeit und während des Alten Reiches eine Siedlung gegeben hat. Sie muss allerdings politisch und wirtschaftlich noch recht unbedeutend gewesen sein. Immerhin ist der Name Waset (Theben) als Stadt- und Gauname in einigen Inschriften des Alten Reiches bezeugt.

Während der Ersten Zwischenzeit (22. und 21. Jahrhundert v. Chr.) gab es eigenständige Entwicklungen in verschiedenen ägyptischen Provinzen. Im thebanischen Raum konnte eine Herrscherfamilie aus Hermonthis an Macht gewinnen. Ihre Könige trugen alle entweder den Namen Antef  oder Mentuhotep (11. Dynastie, 21.-20. Jahrhundert v. Chr.). Sie verehrten den Gott Month, dem ein großer Tempel in Karnak geweiht war. Diese Provinzkönige ließen sich Felsgräber in el-Tarif, in Theben-West anlegen. Unter Metuhotep II. Nebhepetre (um 2000 v. Chr.) konnten diese Herrscher ihr Machtgebiet auf ganz Ägypten ausdehnen. Metuhotep Nebhpetre war somit zum Reichseiniger und zum Begründer jenes gesamtägyptischen Staatswesens geworden, dessen Epoche man heute das „Mittlere Reich“ (ca. 20. bis 18. Jahrhundert v. Chr.) nennt. Theben war von einer Provinzstadt zu einer Reichshauptstadt bzw. königlichen Residenzstadt geworden. Dementsprechend wuchs die Bedeutung ihrer Götter und Tempel. Von Mentuhotep Nebhepetre stammt der erste große Terrassentempel in Deir el-Bahari.

Während der folgenden 12. Dynastie wurde die königliche Residenz nach Norden, in den Raum von Memphis verlegt. Die Tradition des Pyramidenbaus wurde wieder aufgenommen, und die Könige residierten in ihrer jeweiligen Pyramidenstadt. Doch Theben blieb nach wie vor eine wichtige religiöse Stadt. An den Tempeln wurde weiterhin eifrig gebaut. Ein besonders schönes Exemplar der Baukunst des Mittleren Reiches in Theben ist die sogenannte Weiße Kapelle in Karnak. Sie wurde unter Sesostris I. (12. Dynastie, 20. Jahrhundert v. Chr.) errichtet und zeigt mit ihrer Dekoration einen Höhepunkt ägyptischer Reliefkunst.

Nach dem Zerfall des Mittleren Reiches wurde Ägypten erneut von Theben aus vereint. Im Kampf gegen die Hyksos, einer fremdländischen Bevölkerungsgruppe, die für mehr als hundert Jahre den Norden des Landes beherrschte, konnten die thebanischen Herrscher ganz Ägypten erobern, und darüber hinaus noch Eroberungsfeldzüge ins benachbarte Ausland unternehmen. Diese Entwicklung begann mit den Provinzkönigen der 17. Dynastie (17. bis 16. Jahrhundert v. Chr.), die die Widerstandsbewegung gegen die Hyksos anführten. Die Könige dieser Dynastie ließen sich in der Nekropole von Dra Abu el-Naga (Dra Abu n-Naga) in West-Theben (nordöstlich von Deir el-Bahari) bestatten. Mit den Königen der 18. Dynastie (16. bis 13. Jahrhundert) begann schließlich das Neue Reich (16. bis 11. Jahrhundert). Unter ihnen war Theben endgültig zum Zentrum des Landes geworden.

Mit der wachsenden Rolle Thebens wuchs auch die Bedeutung der thebanischen Tempel und ihrer Kulte. Zwar verlor der Kult des Gottes Month an Gewicht, doch der des Amun wurde zu einer Art Reichskult. Amun, der „Verborgene“, in Kombination mit dem Sonnengott als Amun-Re verehrt, wurde Hauptgott Thebens, und neben Ptah und Re-Harachte, zur wichtigsten Gottheit in Ägypten. In Karnak, unmittelbar zwischen den Tempeln der Göttin Mut und des Gottes Month, wuchs während der Periode des Neuen Reiches ein Tempelkomplex ohnegleichen heran. Ausgehend von Anlagen des Mittleren Reiches, erweiterten Thutmosis I., Thutmosis II. Hatschepsut und Thutmosis III. (allesamt 18. Dynastie, 16. bis 15. Jahrhundert v. Chr.) den Amun-Tempel, indem sie grandiose Obelisken und Festkapellen anfügen ließen. Die Königin Hatschepsut trat als Bauherrin besonders hervor. Finanziert aus den Schatzkammern des Tempels, die zuvor durch die Feldzüge der Pharaonen nach Nubien und Vorderasien mit Tributen und Beute gefüllt worden waren, ließ die Königin prächtige monumentale Obelisken und eine herrliche Kapelle aus Roten Granit errichten. Weil sie zunächst nur als Regentin im Namen des jungen Thutmosis III. regierte, dann aber die Königswürde annahm, ließ sie einen legitimierenden Mythos verbreiten, wonach sie von göttlicher Geburt und von den Göttern zur Pharaonin auserwählt sei. Gigantisch, und in der Architektur nahezu modern, wirkt ihr Terrassentempel von Deir el-Bahari (Tempel der Hatschepsut). Zwar wurden unter Hatschepsut weniger militärische Feldzüge ins Ausland durchgeführt als zur Zeit ihrer Vorgänger oder Nachfolger, doch brachten Handelsexpeditionen aus dem fernen afrikanischen Land „Punt“ Schätze und kostbare exotische Güter nach Ägypten. Unter ihrem Nachfolger, Thutmosis III., wurde ihr Andenken zwar nicht völlig ausgelöscht, jedoch ihr Name in vielen Inschriften ausgemerzt. Thutmosis III. wandte sich wieder einer militärisch aggressiven Politik zu und zog mit seinem Heer mehrfach nach Nubien sowie nach Palästina und Syrien. Von diesen Feldzügen brachte er unermessliche Schätze und Tributgaben der unterworfenen Völker mit nach Ägypten, wo sie größtenteils dem Amun gestiftet, d.h. in den Schatzkammern des Amun-Tempels aufbewahrt wurden. Außerdem ließ er einen großen Pylon in Karnak errichten, dessen Reliefs und Inschriften von seinen ruhmreichen Kriegszügen und von seinen Stiftungen an Amun berichten.

Im Laufe der Zeit fügte jede Herrschergeneration neue Kapellen, Säulensäle und Tortürme dem Tempelkomplex von Karnak hinzu. Es war eine gigantische Tempelstadt entstanden. Über Prozessionswege war die Tempelstadt von Karnak mit dem ebenfalls herangewachsenen Tempel von Luxor und den monumentalen Totentempeln der Könige in West-Theben verbunden. An der Westflanke des Niltals hatte die Pharaonen große Totentempel errichten lassen, die mit dem Kult des Amun verknüpft waren. Das heißt: Jeder Totentempel war auch Göttertempel. Die religiösen Feste in Theben waren von großen Festprozessionen geprägt, bei denen die Statuen der Götter von Heiligtum zu Heiligtum getragen wurden. Das ganze Ensemble aus Göttertempeln und Totentempeln, Heiligtümern und Kapellen sowie prächtigen Prozessionsstraßen bildete ein Kultnetzwerk bis dato unbekannten Ausmaßes. So war Theben nicht nur die königliche Residenz, sondern auch das wichtigste überregionale religiöse Zentrum des Landes geworden, eine Art Tempelmetropole.

Wenn man von Theben als Hauptstadt Ägyptens spricht, so ist dies allerdings anachronistisch. Eine wirkliche Hauptstadt im modernen Sinne gab es im ägyptischen Altertum nicht. Vielmehr kann man von königlichen Residenzstädten sprechen. Tatsächlich war Theben gerade während der 18. Dynastie die königliche Hauptresidenz. Davon zeugen die Ruinen der Palastanlagen von Malkata. Diese Ruinen liegen auf der Westseite Thebens, südlich der Totentempel, und stammen von Amenophis III. (18. Dynastie, 14. Jahrhundert v. Chr.), der auch einen gewaltigen Totentempel errichten ließ, von dem heute allerdings nur noch die Memnonskolosse zeugen. Während der Zeit der Ramessiden, also während der 19. und 20. Dynastie (13. bis frühes 11. Jahrhundert v. Chr.), lag das politische Zentrum in Memphis bzw. in der Ramsesstadt im Delta. Die Verlagerung der königlichen Hauptresidenz in den Norden hatte vermutlich mit außenpolitischen Erwägungen zu tun, denn die größte Bedrohung kam aus Vorderasien, wo mit dem Reich der Hethiter eine Gegenmacht zu Ägypten entstanden war. Dennoch blieb Theben nach wie vor eine wichtige Residenzstadt und vor allem das religiöse Zentrum des Landes, auch wenn sich die Könige mit der Zeit nur gelegentlich dort persönlich aufhielten.

Ein Zwischenspiel in der Entwicklung Thebens gab es während der sogenannten Amarna-Zeit. König Amenophis IV., der sich selbst in Echnaton unbenannte und seinen Regierungssitz in die neu gegründete Stadt Achet-Aton (Tell el-Amarna) verlegte, versuchte den Einfluss Thebens und des Amun-Tempels einzuschränken. Die Kulte und Feste Thebens wurden verboten. Umso heftiger war die Gegenreaktion der Nachfolger. Zwar blieben die Tempel von Heliopolis, wo der Sonnengott Re-Harachte verehrt wurde, und Memphis, wo der Schöpfergott Ptah seinen Kult hatte, weiterhin von überregionaler Bedeutung. Doch war der Tempel des Amun-Re in Theben der weitaus reichste und mächtigste im Lande. Große Ländereien, Landwirtschaftsbetriebe, riesige Viehherden und gefüllte Schatzkammern machten den Tempel und seine Priesterschaft zu einem Machtzentrum in Ägypten.

Am Ende des Neuen Reiches und während der Dritten Zwischenzeit verlor das Königtum an Bedeutung. Mit der Zeit waren die Pharaonen in ihrer Herrschaft auf das Delta beschränkt. Schließlich war der Einheitsstaat aufgelöst. Unter der Fremdherrschaft libyscher Dynastien regierten im Norden mehrere Könige wie Lokalfürsten in Koexistenz, ohne das es eine Zentralregierung für ganz Ägypten gab. Im Süden war dagegen eine Theokratie entstanden, ein Gottesstaat. Die Hohenpriester und Militärführer regierten Oberägypten im Namen des Gottes Amun-Re. Und ein weiteres wichtiges Amt war entstanden: das der Gottesgemahlin des Amun. Frauen aus noblen und königlichen Familien wurden auserwählt, als offizielle Gemahlin des Gottes zu leben. So konnten die mächtigsten Familien des Landes ihren Einfluss und ihre Macht stärken, indem sie ihren Söhnen dazu verhalfen, Hoherpriester oder Militärführer zu werden, und indem sie Töchter in die Position einer Gottesgemahlin manövrierten.

Auch während der 25. Dynastie (8. bis 7. Jahrhundert v. Chr.), als die nubischen Pharaonen das Land regierten und dem Karnak-Tempel weitere Baudenkmäler stifteten, und während der Spätzeit, als zeitweise die Pharaonen wieder über ganz Ägypten herrschten, blieb der Amun-Tempel ein wichtiges politisches Zentrum in Oberägypten. Selbst in ptolemäischer Zeit wurden in Theben noch Bauwerke errichtet. Allerdings wurden zur Zeit der griechisch-makedonischen Herrscher (3. bis 1. Jarhundert v. Chr.), die in Alexandria residierten, auch zahlreiche andere Tempelkulte gefördert, so dass die Bedeutung Thebens relativiert wurde. Das politische Zentrum war in dieser Zeit eindeutig Alexandria geworden. Auch in römischer Zeit schrumpfte die Bedeutung Thebens. Der Luxor-Tempel wurde zu einer römischen Garnisonsfestung ausgebaut.

Während der spätrömischen und byzantinischen Zeit verfiel die Stadt. Die Tempel verloren ihre Bedeutung als wichtige Kultorte. Eine neue Religion veränderte Ägypten: das Christentum. Tempelkapellen wurden zu Kirchen umfunktioniert. Kleine Kirchen wurden aus römischen und altägyptischen Spolien errichtet. Dies lässt sich besonders gut am Luxortempel beobachten: Direkt neben dem monumentalen Tempel stehen die Ruinen kleiner Basiliken aus frühchristlicher Zeit. Außerdem wurden Bereiche im Innern des Luxortempels für christliche Zwecke umfunktioniert. Auch in den Gräbern finden sich Spuren der Christen bzw. Kopten. So hausten in vielen Gräbern und Felskapellen koptische Eremiten, um sich, abgeschieden vom Leben in der Stadt, ihrem Glauben zu widmen und in Enthaltsamkeit zu leben. In den Felstälern entstanden kleine Klöster, so zum Beispiel das koptische Kloster Deir Rumi in der Nähe des Tals der Königinnen. Man hat geradezu den Eindruck, dass sich die Menschen in christlicher Zeit, aber auch später in islamischer Zeit, in der sie umgebenden Ruinenwelt einmisteten als wäre es eine natürliche Landschaft. So verwundert es kaum, dass inmitten des Luxortempels eine Moschee steht. Doch ist es bezeichnend, dass in ganz Oberägypten bis ins 19. Jahrhundert keine monumentalen Bauwerke mehr geschaffen wurden, die sich mit den Bauten der Pharaonen hätten messen lassen können. Die Landschaft von Theben bzw. Luxor wurde zu einem Freilichtmuseum.

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg