Die Privatgräber der hohen Amts- und Würdenträger - Einführung

Zwischen den Toten-Tempeln am Rande des Fruchtlandes von West-Theben und dem Tal der Könige sowie dem Tal der Königinnen befinden sich mehrere ausgedehnte Nekropolen und Gräberfelder der hohen gesellschaftlichen Eliten. Sie waren die hohen Priester, Wesire, Beamte, königlichen Bedienstete, Militärs, Stadtgouverneure und sonstigen hohen Amts- und Würdenträger innerhalb der thebanischen Gesellschaft. Die Menschen, die in diesen Nekropolen bestattet wurden, entstammten also einer ganz anderen gesellschaftlichen Schicht als jene aus Deir el-Medine.

Die wichtigsten Nekropolen sind jene von Scheich Abd el-Qurna (Sheikh Abd el-Qurna), Dra Abu-el-Naga (Dra Abu n-Naga), el-Chocha (el-Khokha), el-Asasif (bei Deir el-Bahari) und Qurnet Murai (Kurnet Murai) sowie – etwas abgelegen im Norden – el-Tarif. Die Zahl der Gräber geht in die Hunderte. Die meisten Gräber sind beschädigt, zerstört, unvollendet, aber einige wenige sind noch hervorragend erhalten und mit bezaubernden Grabdekorationen und Wandmalereien oder Reliefs versehen. Die Gräber stammen aus verschiedenen Epochen. Die meisten – insbesondere jene mit schönen Wandmalereien – wurden währen des Neuen Reiches angelegt. Es gibt aber auch bedeutende Gräber aus dem Mittleren Reich, z.B. in el-Tarif, und besonders große Grabanlagen aus der Spätzeit, z.B. in el-Asasif. Im Gegensatz zu den Gräbern von Deir el-Medine sind in den meisten Gräbern die schönen Wandmalereien in dem oberen Teil der Grabanlage zu finden, also im zugänglichen Bereich des Totenkultes, der Totenkultkapelle. Eine Ausnahme ist das besonders sehenswerte Grab des Sennefer (Nr. 96), wo sich die wichtigsten Malereien – wie in Deir el-Medine – in der unterirdischen Grabkammer befinden. Die Darstellungen in den oberen Kultbereichen sind entsprechend anders konzipiert als jene in den Grabkammern. Während in den Grabkammern (in Deir el-Medine oder im Grab des Sennefer) Szenen des Totenbuches und Bilder aus der Unterwelt im Vordergrund stehen, so sind in den Totenkultbreichen der (meisten anderen) Gräber hauptsächlich Darstellung und Szenen aus dem Alltagsleben der Ägypter und aus dem Toten- und Bestattungskult angebracht.

Die Architektur der Gräber folgt meistens einem bestimmten Schema. Vor dem Eingang hatten die Gräber einen Vorhof. Während der 18. Dynastie war der Vorhof meist recht einfach von einer niedrigen Mauer begrenzt. Die Fassade des Felsgrabes war geglättet. Während der Ramessidenzeit, also von der 19. bis zur 20. Dynastie, wurden die Grabanlagen elaborierter. Es gab hohe Mauern mit Säulenportikus und manchmal sogar einen Pylon als Einganstor zum Hof. Über dem Eingang des Felsgrabes war oft eine kleine Ziegelpyramide errichtet worden, die der Verbindung des Totenkultes mit dem Sonnenkult diente. Der begehbare Bereich der Felsgräber blieb in seinem Grundriss erstaunlich konstant. Meist war er nach einem umgekehrt T-förmigen Schema angelegt, d.h. es gab zunächst einen Quersaal, das Vestibül, und dann einen Längsraum, an dessen Ende sich das Kultziel befand. Das Kultziel war zumeist eine Statuennische mit Statuen des Verstorbenen und gegebenenfalls seiner Angehörigen. Manchmal befandsich die Statuennische oberhalb einer Scheintür.

Vorbereitung und Besichtigungshinweise: Es gibt keinen Verlass auf aktuelle Informationen darüber, welche Gräber zurzeit dem Publikumsverkehr geöffnet sind und welche nicht. Meistens erfährt man es erst am zentralen Ticket-Office. Die beste Vorbereitung ist, sich eine Liste von Gräbern zu erstellen, die man gerne sehen möchte, und dann sich vor Ort zu erkundigen, welche davon man tatsächlich besuchen kann. In der Regel sind die allerschönsten Gräber auch jene, die geöffnet sind. Aber jede Regel hat ihre Ausnahmen. Wer sich gut vorbereitet hat, braucht normalerweise keinen Führer. Man braucht allerdings eine Karte, um den Weg zu den einzelnen Gräbern zu finden. Doch kommen Touristen oftmals nicht um einen Führer herum. Denn ständig drängen sich selbsternannte „Guides“ den Gästen auf. Auch innerhalb der Gräber, oder zumindest am Eingang, sitzt jeweils ein Wärter, der dem Gast eine Führung aufdrängt, die man selbstverständlich mit Bakschisch entlohnen muss. Angenehm ist, dass in den Privatnekropolen weitaus weniger Touristen anzutreffen sind als an den Sight-Seeing-High-Lights (Tal der Könige, Hatschepsut-Tempel, Karnak, Luxor-Tempel). Im Innern der Gräber ist es oft sehr heiß und stickig. Durch den Atem der Besucher entwickelt sich in den, normalerweise trockenen, Gräbern eine hohe Luftfeuchtigkeit. Diese Luftfeuchtigkeit greift die Farben an. Daher sind die Wärter oftmals angewiesen, die Besucher nur für kurze Zeit ins Grab zu lassen. So kann es vorkommen, dass sich der Gast gedrängt fühlt und die Atmosphäre und künstlerischen Details nicht genießen und ausgiebig bewundern kann. In allen Gräbern ist das Fotografieren und Filmen strengstens verboten! Auch film- und fotofähige Mobiltelefone dürfen nicht benutzt werden!

Auswahl weiterführender Literatur

  • Arnold, Dieter, Die Gräber des Alten und Mittleren Reiches in El-Tarif, Mainz 1976.
  • Davies, Norman de Garis, The Tomb of Puyemre, 2 Bände, New York 1923.
  • Eigner, Dieter, Die monumentalen Spätzeitgräber der thebanischen Nekropole, Band 1 u. 2. , Wien 1984.
  • Engelmann-von Carnap, Barbara, Die Struktur des thebanischen Beamtenfriedhofs in der ersten Hälfte der 18. Dynastie, Analyse von Position, Grundrißgestaltung und Bildprogramm der Gräber, Berlin 1999.  
  • Gundlach, Rolf (u.a.), Sennefer – Die Grabkammer des Bürgermeisters von Theben, Mainz 1988.
  • Kampp-Seyfried, Friederike, Die Thebanische Nekropole, Zum Wandel des Grabgedankens von der XVIII. bis zur XX. Dynastie, Mainz 1991.
  • Kampp-Seyfried, Friederike, “Thebes: el-Khokha”, in: K.A. Bard, Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt, London 1999, S. 806-807.
  • Kampp-Seyfried, Friederike, “Die Überwindung des Todes – Die thebanischen Privatgräber”, in: Regine Schulz und Matthias Seidel, Ägypten – Die Welt der Pharaonen, Köln 1997, S. 249-263.  
  • Leclant, Jean, Montouemhat, quatrième prophète d’Amon, Kairo 1961.
  • Porter, Bertha und Rosalind Moss, Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings (Vol. I: The Theban Necropolis, Part 1: Private Tombs), London 1970.
  • Shedid, Abdel Ghaffar und Mathias Seidel, Das Grab des Nacht – Kunst und Geschichte eines Beamtengrabes der 18. Dynastie in Theben-West, Mainz 1991.
  • Siliotti, Alberto und Zahi Hawass, Tal der Könige – Die berühmtesten Nekropolen  der Welt, Köln 2004.
  • Stadelmann, Rainer, „Theben“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band VI, Wiesbaden 1985, Sp. 465-473.
  • Steindorff, Georg und Walther Wolf, Die thebanische Gräberwelt, Glückstadt 1936.
  • Weeks, Kent R., „Scheich Abd-el-Gurna (mit Gurnet Murrai)“, in: Lexikon der Ägyptologie, Band V, Wiesbaden 1983, Sp. 551-555.

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg