Die Stadt Assuan

Blick über den Nil auf Assuan in Oberägypten
Der Nil bei Assuan

Assuan ist Ägyptens südlichste Großstadt. Sie ist die Gouvernorats-Hauptstadt der gleichnamigen südlichsten Landesprovinz. Mit zurzeit circa 280.000 Einwohnern ist sie eine der größten Städte Oberägyptens. Wegen des trockenen und im Winterhalbjahr gut verträglichen Klimas und wegen der pittoresken Flusslandschaft mit ihren zahlreichen Segelbooten, Feluken genannt, felsigen Nilinseln, Schilfdickichten und hohen gelbgoldenen Saharasanddünen, die bis ans westliche Nilufer heranreichen, ist Assuan ein beliebter Urlaubsort und neben Luxor der von Touristen am häufigsten besuchte Ort Oberägyptens. Die eigentümliche Landschaft rührt von den Granitfelsen des Kataraktes, den Stromschnellen, die von jeher den südlichen Grenzpunkt des eigentlichen Ägypten markierten.

Die Innenstadt zieht sich am östlichen Nilufer entlang. An der Corniche, der Uferpromenade, stehen zahlreiche Hotels für die Touristen aus aller Welt. Das Stadtbild verändert sich ständig. Wegen des anhaltenden Bevölkerungswachstums wurden an den Nord-, Ost- und Süd-Enden der Stadt neue Häuserblocks und Wohnsiedlungen errichtet, so dass sich die Stadt nun auch über Teile der östlichen Hügel erstreckt. Von der historischen Altstadt ist nur wenig erhalten. Der Bauboom verträgt sich nicht mit dem Erhalt des schönen Landschaftsbildes. Auch die zahllosen Strommasten und Überlandleitungen zeigen, dass in Assuan längst das Industriezeitalter Einzug gehalten hat.

Old Cataract Hotel in Assuan
Old Cataract Hotel in Assuan

Ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der Region ist der Assuanhochdamm, rund 13 Kilometer südlich des Stadtzentrums. Der in den Jahren 1960 bis 1970 gebaute Staudamm ist einer der größten der Welt. Das im Nasserstausee gespeicherte Wasser dient der ganzjährigen Dauerbewässerung der Felder und der Regulation des Wasserstandes des ägyptischen Nils. Der Strom, der durch die Turbinen des Wasserkraftwerkes am Hochdamm erzeugt wird, ist eine der wichtigsten Energiequellen des Landes. Mit der Errichtung des Hochdammes setzte eine rasante, wirtschaftliche Entwicklung dieser einstmals abgelegenen Region ein. Zahlreiche Firmen und Industrien haben sich hier angesiedelt. Auch die Bedeutung des Handels hat zugenommen. Assuan ist auch Universitätsstadt mit verschiedenen höheren Bildungsinstitutionen. Ein internationaler Flughafen, im Süden außerhalb der Stadt gelegen, ist nicht nur als industrieller Standortfaktor von Bedeutung, sondern auch für den wachsenden internationalen Tourismus, der eine wichtige Devisenquelle für die Region ist.

Die indigene Bevölkerung ist ein Kaleidoskop der ethnischen Vielfalt Nordostafrikas. Zahlreiche Nubier leben in Teilen der Stadt und im Umland sowie auf der Insel Elephantine. Schon zur Zeit des pharaonischen Ägypten war Assuan die südliche Grenzstadt des Landes. Südlich davon war Nubierland. Von Assuan aus brachen schon im Alten Reich die Flussexpeditionen ins Innere Afrikas auf, auf der Suche nach Elfenbein, Gold und exotischen Produkten. Ein dunkles Kapitel der ägyptischen Geschichte ist der Sklavenhandel, der im 18. und 19. Jahrhundert blühte. Bewohner aus dem Sudan wurden in die arabischen Länder verkauft.

Reste des ptolemäischen Isis-Tempels in Assuan
Reste des ptolemäischen Isis-Tempels in Assuan

Die Geschichte der Stadt reicht bis in prähistorische Zeit zurück. Seit dem Alten Reich war die Insel Elephantine eine wichtige Handels- und Grenzstadt des Landes. In der Region wurde seit frühester Zeit Granit abgebaut. Die Granitblöcke aus den Steinbrüchen von Assuan waren für die verschiedensten Bauprojekte im ganzen Lande von Bedeutung. Während auf Elephantine die alte Hauptsiedlung lag, entwickelte sich die Stadt Assuan, am östlichen Nilufer gegenüber der Insel gelegen, etwas später. Allerdings sind inzwischen auch im eigentlichen Stadtgebiet von Assuan Siedlungsreste aus dem Alten und Mittleren Reich nachgewiesen worden. Vermutlich gab es hier schon ebenso lange Siedlungen und Handelsplätze wie auf der Insel Elephantine. Inschriftlich ist die Stadt Assuan erstmals im Neuen Reich belegt. Sie hieß „Swnw“ (sprich: Sunu), woraus sich ihr späterer Name Assuan ableitete. Der griechisch-antike Name in ptolemäischer und römischer Zeit war Syène. Aus ptolemäischer Zeit stammt ein kleiner Isis-Tempel im Süden der Stadt. Er wurde unter den Königen Ptolemäus III. und IV. errichtet. Weiterhin gibt es spärliche Überreste eines römischen Tempels, der unter dem Kaiser Domitian erbaut wurde. Der große antike Isis-Tempel auf der Insel Philae war noch bis ins 4. Jahrhundert für den Kultbetrieb offen und war eine der letzten Kultstätten der altägyptischen Religion. In byzantinischer Zeit wurde die Christianisierung stark vorangetrieben. Die koptischen Christen unterhielten im Mittelalter ein Kloster im Westen von Elephantine (Kloster des Heiligen Simeon). Im Mittelalter war die Altstadt von Assuan von einer starken Befestigungsmauer umgeben.

Nil am nördlichen Ende von Assuan
Nil am nördlichen Ende von Assuan
Blick auf Assuan
Blick auf Assuan

Die komplexe Siedlungsgeschichte wird zurzeit von mehreren Missionen erforscht, insbesondere durch zahlreiche Ausgrabungen des „Schweizerischen Instituts für Ägyptische Bauforschung und Altertumskunde“. Erschwert wird die archäologische Erforschung und Rekonstruktion der Stadtgeschichte durch den Umstand, dass viele Reste der alten Siedlungen unterhalb der modernen Stadt liegen und dadurch nur bei Bebauungslücken erreichbar sind.

An Sehenswürdigkeiten sind innerhalb der Stadt neben dem Bazar (Souk), Moscheen und koptischen Kirchen noch die zwei Museen zu erwähnen, zum einen das Assuan-Museum auf der Insel Elephantine und zum anderen das am südlichen Stadtrand gelegene Nubische Museum, wo Exponate zur Geschichte und Kultur Nubiens ausgestellt sind. Wegen seiner kolonialzeitlichen Architektur und seiner Lage am Nil ist das berühmte Old Cataract Hotel sehenswert. Es diente als Kulisse mehrerer Filme. 

Zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in der Region von Assuan gehören, neben der bezaubernden Nillandschaft, unter anderem der alte Assuanstaudamm und der neue Hochdamm Sadd el-Ali, die Nilinseln Elephantine (mit alter Siedlung und den Tempeln des Khnum und der Satet sowie dem Assuan-Museum), Lord Kitchener’s Island (mit botanischem Garten), Sehelnarti (mit Granitfelsen und Felsinschriften), Philae (mit dem weltberühmten Isis-Tempel), Neu-Kalabscha (mit dem umgesetzten Mandulis-Tempel von Alt-Kalabscha und dem Felsentempel von Beit el-Wali), die Grabstätten an der Qubbet el-Hawa, das koptische Kloster des Heiligen Simeon, das Mausoleum des Aga Khan, der antike Steinbruch mit dem unvollendeten Obelisken und, für Interessierte moderner Kunst, eine Sammlung moderner Plastiken auf einem Hügel über der Stadt. Diese Sehenswürdigkeiten sind in gesonderten Artikeln beschrieben.

Von Assuan aus werden Ausflüge zu den Nubischen Tempeln angeboten, die beim Bau des Assuan-Staudamms zu versinken drohten und auf höher gelegenes Terrain versetzt wurden. Hier sind  besonders die Felsentempel von Abu Simbel hervorzuheben, aber auch der Tempel von Wadi es-Sueba. Zu diesen Tempeln reist man per Bus oder Flugzeug oder in Form einer Bootstour auf dem Nasser-See.

Das Nilufer bei Assuan im Abendlicht
Das Nilufer bei Assuan im Abendlicht

Auswahl weiterführender Literatur:

  • Magi, Giovanna, Assuan, Philae, Abu Simbel, Florenz 1992.
  • Zecchi, Marco, Abu Simbel, Aswan and the Nubian Temples, Vercelli 2004.
  • Willeitner, Joachim, Nubien: antike Monumente zwischen Assuan und Khartoum, München 1997.
  • Bresciani, Edda und Sergio Pernigiotti, Il templo tolemaico di Isi (Der ptolemäische Tempel der Isis), Pisa 1978.
  • Habachi, Labib, Aswan: The Town with a Glorious Past and a Promising Future, Kairo 1959.
  • Stock, Michael und Jill Kamil, Aswan and Abu Simbel – History and Guide, Kairo 1993.
  • Siliotti, Alberto, Aswan (Egypt Pocket Guides), Kairo 2001.
  • Kaiser, Werner (Hrsg.), Elephantine – Die antike Stadt (Offizielles Führungsheft des Deutschen Archäologischen Instituts, Abt. Kairo), Kairo1998.

Autor dieses Artikels: Mirco Hüneburg